"Wir wollten noch über Aix reden..." aus: Neidhöfer/Mathes/Neidhart, Martin Neidhart: Wir wollten noch über Aix reden. Loil Neidhöfer: Ja, aber wie? Martin: „Aix“ war das erste Stichwort, das mir im Zusammenhang mit Skan begegnet ist. Im Sommer 1997 lernte ich meine damalige Freundin einige Wochen vor ihrer Abreise nach Aix kennen. Dieser zauberhafte Ort, der geheimnisvollerweise trotz unmittelbarer Nachbarschaft zu einer Autobahn eine große Attraktion ausübte, der bei meiner Freundin soviel Angst, Aufregung und doch auch freudige Erwartung auslöste, hat mich allein schon aus der Erzählung fasziniert. Und dann erst der Drive, als meine Freundin zurückkam, obwohl sie sich in den ersten acht Kurs-Tagen mehrmals überlegt hatte, abzureisen und nachhause zu flüchten. Sofort wollte ich alles lesen, was es über Skan gab. Reich war mir aus meiner psychologischen Lektüre als Vater aller körperorientierten Psychotherapien bekannt. Da ich selber immer wieder auf Laienbühnen auftrat, interessierte mich die Kombination mit Theaterarbeit doppelt. Schon ein Jahr später sollte ich selber nach Aix fahren. Aus den fürchterlich schönen Schilderungen meiner Freundin schloß ich, daß eine aufregende und gefährliche Zeit auf mich zukommen werde. Und dann: Aufregend ja, gefährlich vorerst überhaupt nicht. Es war vielmehr ein nachhause Kommen. Endlich war alles erlaubt und sogar erwünscht, was seit meiner frühen Kindheit verboten war. Ungehemmtes Weinen, Lachen, Wut, Verliebtsein, körperliche Nähe, Kapriolen aller Art. Endlich hatte ich meine Gefühle zurück und durfte diese auch ausdrücken. Wie bist du auf diesen merkwürdigen Ort gekommen? Loil: Aix ist eine Art Vermächtnis von Michael Smith. Er hatte dort schon gearbeitet, bevor es mit „Skan“ losging. Wer genau wann diesen Ort als Arbeitsplatz und Sommerresidenz ausfindig gemacht hat, weiß ich nicht. Aber Jürgen Christian wird das wissen, der hat Michaels europäisches Gastspiel von Anfang an – ich glaube ab 1979 – mitgemacht. Martin: Wann warst du denn das erste Mal in Aix? Loil: 1984 oder 1985, als Teilnehmer. Martin: Wie war das damals? Genauso wie heute? Loil: Ja, es war heiß, in jeder Hinsicht. Für uns reichianische Enthusiasten war es der Höhepunkt des Jahres, dort im Sommer ein paar Wochen zu braten und durchgenudelt zu werden. Es gab immer ein „vor Aix“ und ein „nach Aix“. „Nach Aix“ war die Zeit nach den Sommerworkshops bis Neujahr. Danach fing „vor Aix“ an, die Zeit, in der wir dem Sommer regelrecht entgegenfieberten. Wenn man das als Außenstehender hört, kann man sich das kaum vorstellen, diesen immensen energetischen, emotionalen Anschub, der Konsequenzen hatte für das Leben danach. Martin: Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen. Was denkst du, bewirkt diesen wiederholbaren Effekt, diesen Schub, den fast alle Teilnehmer durch „Aix“ erhalten? Loil: Zunächstmal liegt das in der Natur der Sache, daß dort große Öffnungen, zu deutsch „breakthroughs”, geschehen können. Wenn man zwei Wochen lang an einem relativ kleinen Ort mit 30 oder 40 Leuten eng zusammenlebt und sich einem so fordernden Prozeß unterzieht, muß die Panzerung irgendwann nachgeben, wenn man nicht abreist.
Von Reich bis Gottweißwohin.
Gespräche über Skan und Streaming Theatre.
endless sky publications, 2007
Ein anderer Punkt ist die Art und Weise, wie man solch einen großen Workshop strukturiert. Das ist eine Kunst, die uns Al Bauman gelehrt hat. Ich habe das an anderer Stelle „zelebratorische Workshopkultur“ genannt ....