Loil Neidhöfer Kritische Laudatio zum 100. Geburtstag (aus:
SkanReader 5/96) Daisy
Einstein, die betagte Tochter von Albert Einstein, geht mit
dem jungen Atom-Physiker Donald Düsentrieb zum Notar
und läßt dem jungen Mann dort bestätigen,
daß sie ihn für geeignet hält, das Werk
ihres Vaters fortzuführen. Mit diesem Papier in der
Tasche gründet Donald ein Albert-Einstein-Institut, in
welchem er von nun an auf den Spuren Einsteins forscht,
lehrt und sein Auskommen findet. In Broschüren warnt er
vor falschen Gurus, die sich illigitimerweise mit Einsteins
Namen schmückend bemänteln und empfiehlt allen
Studenten der einsteinschen Lehre, sich gegebenenfalls die
juristische Legitimation ihrer Lehrer vorlegen zu lassen.
Die Branche grinst und geht zur Tagesordnung
über. Nicht
so Minnie Duck, ebenfalls Atom-Physikerin und Leiterin der
Zentrale für Partikel-Lehre. Auch Minnie Duck
fühlt sich geeignet, die Arbeit Albert Einsteins
fortzuführen. Ebenso wie Donald Düsentrieb hat sie
Einstein nicht persönlich gekannt, jedoch ihr Lehrer
ist Dr. Dagobert Goof, ein - wenn auch mäßig
bekannter - Schüler von Albert. Aber
Minnie hat keine notarielle Bestätigung von Daisy. Sie
schreibt dieser einen wütenden Brief, mit der
Aufforderung, die beglaubigte Lobhudelei zu widerrufen, da
der junge Kollege mitnichten qualifiziert genug sei, wg.
unzureichender Ausbildung. Donald Düsentrieb wiederum
läßt über Minnie Duck verlautbaren, sie
gehöre zur Sorte der orthodoxen Einsteinianer, was in
der Branche eine schlimme Brandmarkung ist, die alles
besagt. Im
fernen Erpelhausen erscheint indessen die
fünfundelfzigste Nummer von duckomatula, einem
Periodikum mit kleinster Auflage, daß sich aus lauter
Liebhaberei mit der Lehre Einsteins beschäftigt und
allen ein Forum sein will, die ähnliches im Sinn haben.
So veröffentlicht Kalle Karlo, der Herausgeber von
duckomatula, in aller Unschuld und Freundlichkeit einen
Hinweis, daß die neueste Ausgabe der Zeitschrift der
Zentrale für Partikel-Lehre - Sie erinnern sich: Minnie
Duck ! - erschienen sei und wo man sie bestellen könne.
Daraufhin erhält Kalle Karlo von Donald Düsentrieb
einen Anruf, ob er denn nicht wisse, wie schlimm Minnie Duck
sei, und wie er dazu käme, ihr Machwerk in duckomatula
anzupreisen... Diese
disney-getunte Szenerie ist der Wirklichkeit nachempfunden.
Allerdings hat Einstein mit der Sache nichts zu tun. Setzt
man für Albert Einstein" jedoch Wilhelm
Reich" ein, wird die Fiktion zur Realität: wir reden
von Szenen aus der westeuropäischen deutschsprachigen
Reich-Subkultur. Eifersucht,
Rivalität, Besserwisserei sowie Rufmord und
Totschweigen - es sind noch relativ milde
Zweite-Schicht-Phänomene, die den Umgang von
Reichianern" untereinander bestimmen, und der
Verfasser bekennt, bisweilen kräftig mitgemischt zu
haben. Reich
selbst hätte wohl am wenigsten erwartet, daß die
nächste Generation es besser macht als die anderen. Zu
tief war seine einsame Einsicht in jenes zählebige,
bizarre Phänomen, daß er Panzerung" nannte.
Sein verzweifelt-hoffnungsvoller Ausblick auf die
Kinder der Zukunft" geht einher mit seiner
radikal-nüchternen Kenntnis der subhumanen Monster der
Gegenwart. Nicht nur Hitler und Stalin waren gemeint,
sondern vor allem der "kleine Mann" in uns allen. Tiefer und
differenzierter als jemals zuvor ging Reichs Strukturanalyse
menschlicher Destruktivität. Viele Fragen, die mit
Wie" beginnen, konnte er uns kraft seines Genius
beantworten. Eine Frage jedoch blieb offen. Sie beginnt mit
Warum" und beschließt sein letztes Hauptwerk,
Cosmic Superimposition: "Warum hat sich der Mensch als
einziges Lebewesen gepanzert?"
(1)
Hätte
er auch diese Frage noch beantworten können, wenn ihm
zwanzig oder dreißig Jahre mehr geblieben wären?
Oder war er damit schon an die Grenzen menschlicher
Erkenntnismöglichkeiten gestoßen? Lange
haben wir uns nicht um solche Überlegungen
gekümmert. Zu not-wendig, vereinnehmend und berauschend
war die immer neu stimulierte Beschäftigung mit der
eigenen emotional-sexuellen Wichtigkeit, für die uns
Reich eine tragfähige Gebrauchsanleitung lieferte. Wer
im Strömen lebt, der fragt nicht nach dem Sinn des
Lebens, so hieß es doch, oder? Wer wollte schon ein
mindfucker sein und sich selbst stigmatisieren? It's a great
life. Let's go for it! hieß die Losung. Wir wollten
Erfüllung und Rausch, den Chip im Kopf mit der life
force einweichen und unterspülen. Bald konnten wir eine
alte Ahnung neu und vollständiger verkörpern:
Ekstase und Dilemma sind die Berg- und Bodenstation unserer
existentiellen Seilbahnfahrten. Das eine die immer
flüchtige Möglichkeit, die kurzfristige Aufhebung
der psychischen Schwerkraft - das andere die unausweichliche
Gebundenheit an unsere endliche, bedingte und verletzliche
menschliche Existenz. Unser neurotisches Dilemma, das
emotional-sexuelle Drama, ist auflösbar und heilbar,
nicht zuletzt dank Reich. Wenn wir mehr wollen, kann uns
Reich nicht weiterhelfen: das existentielle Dilemma bleibt
therapieresistent. Daß
Reich dieses Grunddilemma der conditio humana erkannt hatte
und zu formulieren wußte, steht außer
Zweifel: Jede
echte Religion entspricht der kosmischen, der "ozeanischen"
Erfahrung des Menschen. Jede echte Religion enthält die
Erfahrung des Einsseins mit einer allgegenwärtigen
Macht und zugleich einer zeitweiligen, schmerzlichen
Trennung von dieser Macht. Die ewige Sehnsucht zum eigenen
Ursprung...nach dem Wiedereingebettetsein im "Ewigen",
durchzieht alle menschliche Sehnsucht. Sie wirkt am Grunde
der großartigen intellektuellen und
künstlerischen Schöpfung des Menschen, sie ist im
Innern aller Sehnsucht der Jugendzeit; sie beflügelt
alle großen gesellschaftlichen Entwürfe. Es
scheint so, als strebe der Mensch danach, seine Trennung vom
kosmischen Ozean zu begreifen; Vorstellungen wie
"Sünde" haben ihren Ursprung in einem Versuch, diese
Trennung zu erklären. Es muß einen Grund
dafür geben, daß der Mensch nicht mit "Gott"
vereint ist; es muß einen Weg geben, diese Vereinigung
wieder herzustellen, zurückzukehren, heimzukommen. (2) Reichs
Vision war es, zu leben, auf gesunde Art zu
funktionieren"(3).
Dies ist, wie wir wissen, kein geringer Entwurf. Orgonotic
functioning meint die Betätigung sämtlicher
menschlichen Lebensäußerungen auf der Basis der
freigesetzten natürlichen bio-energetischen Pulsation;
ein Projekt, das für den größten Teil der
Menschheit noch lange Utopie bleiben wird. Dennoch fehlt in
Reichs weitem Ansatz die Auseinandersetzung mit unseren
existentiellen Beschränkungen: auch wenn wir uns noch
so frei fühlen, können wir im nächsten Moment
ausgelöscht werden, unermeßliches Leid kann
jederzeit über uns kommen, und von der berühmten
Kuh auf der Weide unterscheiden wir uns vor allem dadurch,
daß wir wissen, daß wir nichts wissen über
unsere Herkunft, unsere wahre Natur, über Gott. "Liebe,
Arbeit und Wissen", so Reichs bekanntes Wort-Logo, "sind die
Quellen unseres Lebens. Sie sollten es auch beherrschen."
Dieser Formel fehlt der Kontrapunkt. Tod, Leiden und
Nicht-Wissen sind die Hintergrundfiguren unserer Existenz,
die wir immer solange ignorieren, bis sie uns eingeholt
haben. In
der Tradition des tibetischen Buddhismus gilt der Tod als
der wichtigste Moment im Leben, auf den sich von Anfang an
alles ausrichtet. Daß ein solcherart organisiertes
Leben per se unglücklich sei, ist nur ein westliches
Vorurteil. Wer unvorbereitet, d.h. unbewußt stirbt, so
lesen wir im Tibetanischen Totenbuch (4),
kann anschließend eine böse Überraschung
erleben und an einem schauerlichen Ort landen. Unser
westliches Erfüllungs-Dogma Find out what you want and
go for it, mit dem sich auch Reich ganz als Kind seiner Zeit
erwies, tabuisiert, verdrängt und verschleiert die
fundamentale Bedingtheit und Begrenztheit unserer physischen
Existenz. Als Körpertherapeuten sind wir aufgefordert,
allen existentiellen Realitäten des Körpers
Rechnung zu tragen. Die meisten unserer Klienten kommen zu
uns, wenn ihr physischer Körper bereits Spuren des
Welkens und Erschlaffens zeigt, also im Alter zwischen
fünfundzwanzig und fünfzig Jahren. Trotzdem
führen wir uns auf, als hätten wir den Jungbrunnen
erfunden. Wir fragen unsere Klienten nicht, was sie mit dem
oft nur geringen Rest ihres Lebens vorhaben. Wir wiegen sie
und uns selbst in der Halbwahrheit, daß der Organismus
durch die Therapie pulsierender, strömender, freier
wird. Wir reden nicht über das, was der Körper auf
jeden Fall tut: er altert, marodiert, stirbt ab. During
life, the individual consciousness is limited by the
physical vehicle, defined by the brain, the nervous system,
the mechanism of the body. You are kept from access to most
of mind by this barrier of brain and nervous system.
Therefore, most of mind is in the so-called unconscious.
Because
this is so, it is possible to just live your life on the
basis of the stimulation of this bodily entity, and to take
from life the pleasure that you can. Such is the choice that
many make, because they do not understand what is on the
other side of the barrier that is the body. But
the barrier is lifted at death, and you fall into the domain
of the so-called unconscious. Before death, you make mind,
and after death, mind makes you. Mind is your circumstance
after death, and not just the thinking mind of your limited
conscious awareness. The unconscious is your circumstance
after death. (...) And after death, you no longer have the
physical means to prevent the unconscious from becoming
conscious. (...) People
think that perhaps the brain is everything, perhaps mind is
the brain, perhaps when you are dead, you are dead. It is
not true. Nevertheless, the brain is a limiting mechanism
that keeps you from having certain kinds of experiences. The
brain exists not to evolve so you can have all experiences,
but to limit and define the kinds of experiences you can
have. Most of what is potential as experience is outside the
brain-mind and, as a general rule, not accessible. Sometimes
openings may occur beyond the brain-mind, and you may have
unusual experiences, some positive, some negative. But for
the most part, you remain in a state controlled by the
brain-mind. Your thoughts and experiences relate to your
present physicality. Therefore,
for the most part, people think that life is about the
experiences of the present body-mind. They do not understand
the purpose of the limit on experience, which is to purify
the karmic mind that preceded the present birth. You must
devote your life, not to the fulfillment of the bodily
personality, but to the purification of karma through
transcendence of the bodily personality, so that in death,
when you lose the vehicle that presently shuts off
experience, and when all experience is available to you,
your experience will be auspicious, because mind has been
purified and attention has been given to its Divine
Source-Condition. Diese
Sätze stammen nicht von Reich, sondern aus Da Free
John's Easy Death (5).
Sie spiegeln - ausgesprochen von einem, der weiß,
wovon er spricht - eine Auffassung von Leben" wider,
die das Werk jedes noch so genialen diesseitigen"
Forschers zur Marginalie werden läßt. Eine
Perspektive, atemberaubend weit und für uns kaum
nachvollziehbar, die den Tod nicht ausklammert und dem
Sterben in der Kette der Inkarnationen die Bedeutung des
nächtlichen Einschlafens zwischen zwei Tagen zuweist.
Kann dies für uns als Bodyworker überhaupt
praxisrelevant" sein? Wie
auch immer, die Beschäftigung mit den großen
spirituellen Traditionen und Lehrern legt uns nahe, Reichs
Werk nicht zweckentfremdend zu handhaben, indem wir darin
nach Antworten auf unsere spirituellen Fragen suchen: es
gibt sie dort nicht. Reich kann unseren spirituellen Hunger
nicht stillen; er ist und bleibt unser Mann fürs
Weltliche. Zwar
überrascht er uns am Ende mit Passagen wie der
folgenden: I
learned to respect religious thought. I have to confess
that. I didn't twenty years ago. I began to see how deep the
religious probing goes, how deep down, even though it is
mystical. In reading Buddha or Christ or any other theory,
it's incredible how much these founders of religion knew
about the orgonotic functioning. It's incredible! Disguised,
or not in scientific terms, but the basic cosmic laws were
known somehow. And here I think the discussions of the
future will take place, this borderline here. Perception,
consciousness, selfawareness, and spirit, absolute God.
(6) Aber
solche Äußerungen belegen nicht Reichs Kompetenz
in spirituellen Fragen. Sie besagen nur, daß er in
seinen letzten Jahren in dieser Hinsicht toleranter und
neugieriger geworden ist. Dies
ist an sich schon bemerkenswert, wenn man bedenkt, wie
halsstarrig Freud Zeit seines Lebens an der Meinung
festgehalten hat, daß Religiosität und erst recht
spirituelle Praxis ausschließlich Ausdruck unreifen
infantil-neurotischen Fixiertseins seien. Reich
hatte Freuds Ansicht zunächst übernommen. In
seinen frühen Schriften taucht dann auch
regelmäßig der exemplarische Hindu-Yoga-Asket als
abschreckendes Beispiel transkultureller Körper- und
Lebensfeindlichkeit auf. Zugleich ist Reichs Auffassung
differenzierter als Freuds durchgehend verächtliche
Haltung. Er kritisiert vor allem die erstarrten exoterischen
Religionen des Westens als Instrumente sozialer Anpassung
und Lebensunterdrückung. Dennoch konzidiert er die
prinzipielle Authentizität der ekstatischen
religiösen Erfahrung, allerdings mit der
Einschränkung, daß es sich dabei um Formen
gestörter bzw. umgeleiteter sexueller Entladung
handele. In
den 40er Jahren wächst Reichs Interesse an den
spirituellen Traditionen der Naturvölker, denen er,
anders als den autoritären, dogmatischen
Zivilisations-Religionen, eine befreiende Funktion
zugesteht. Die Nützlichkeit bzw. Heilsamkeit
irgendeines religiösen oder spirituellen Systems
mißt er schließlich daran, inwieweit es den
freien Ausdruck natürlicher Lebensfunktionen akzeptiert
und fördert. Mann & Hoffman
(7) weisen zu Recht darauf hin, daß Reich hierbei
große spirituelle Lehren wie Talmud, Kabbalah und
Tantra übersieht, die den vollständigen Ausdruck
der vitalen, vor allem sexuellen, Lebensfunktionen sogar zum
Vehikel der spirituellen Erfahrung und zur Voraussetzung
spirituellen Wachstums machen. Der
Tenor von Reichs Position ist letzten Endes, daß er
die Sexualökonomie und das orgonotische Funktionieren
zum Beurteilungs-Maßstab der ihm bekannten
spirituellen Ansätze macht und sich auch nicht scheut,
Jesus zum Exponenten der Orgonomie zu
erklären.(8) Spirituelle Transmission, Gotterfahrung, die Intuition der
subtileren esoterischen Anatomie, die Intuition subtilerer
Welten und Entitäten oder die Erfahrung karmischer
Zusammenhänge kommen nicht vor in Reichs Entwurf und
können dort nicht vorkommen, und erst recht nicht in
entsprechenden Kommentaren der Epigonen.(9) Der Vorwurf des Mystizismus ist allgegenwärtig. Reichs
späte Wertschätzung der großen spirituellen
Lehrer und Religionsstifter ist begrenzt und enthält
sogar einen Beigeschmack von Blasphemie: Buddha und Jesus,
sowie alle großen Adepten hatten und haben zweifellos
ein tiefes Verständnis dessen, was Reich
orgonotic functioning" und basic cosmic laws"
genannt hat. Ahnte Reich nicht, daß sie noch weitaus
mehr wußten und noch in ganz anderen energetischen
Sphären zu Hause waren als in dem vergleichsweise
groben Aggregatzustand Orgonenergie"? In Sphären,
die sogar jenseits aller Erfahrung" und
Energiebewegung" und jenseits aller Bedingtheit
liegen, unerforschbar mit den Mitteln wissenschaftlicher
Forschung? Die
"Orgonenergie" ist in den spirituellen Traditionen der
Menschheit bekannt. Sie hat viele Namen: Prana, Mana, Ka,
Chi, Ki und so fort. Aber sie wird dort nicht wie bei Reich
als "primordial" angesehen, sondern als eine bereits relativ
grobe Modifikation der Einen, ursprünglichen
Quellenenergie. Allerdings ist nicht bekannt, daß
jemals ein Prana- oder Chi-Akkumulator gebaut wurde. Man
könnte einwenden, daß in den Hochzeiten
früher Kulturen wie z.B. der der Hindus ein direkterer
Zugang zur Heilenergie bestand und daß es zur
Entfremdungs-Symptomatik unseres dark age gehört,
daß man sich in eine Kiste setzen muß, um heiler
zu werden. Das
ändert jedoch nichts daran, daß Reichs Orgon-Akku
eine geniale Erfindung ist, vielleicht "die wichtigste
Erfindung in der Geschichte der Medizin - ohne jede
Einschränkung." (10) Wenn jedoch argumentiert wird, daß Reichs Orgon
"wissenschaftlich" verifiziert sei, während es sich bei
Prana, Chi und Co um "philosophische oder religiöse
Spekulationen" handele (11), muß klargestellt werden,
daß diese Traditionen nicht auf "unwissenschaftlichen"
Mutmaßungen, sondern auf der Realisation großer
Adepten beruhen, an deren Wissen und Bewußtsein
Wissenschaftlichkeit unserer Zeit nicht heranreicht, Reich
eingeschlossen. Reich
klopft Buddha und Jesus kollegial auf die Schulter: Gut
gemacht, Jungs, zwar ein bißchen mystisch, das Ganze,
aber ansonsten geht es bei euch schon ganz schön
orgonomisch zu. Reich
verkennt die Tiefe der Erfahrung und des Seins der
großen spirituellen Lehrer und den Sinn ihres Wirkens:
die Menschen herauszuliften aus dem samsara, dem
existentiellen Dilemma, ihnen die Gotterfahrung zu
ermöglichen und den Weg zur Gottrealisierung zu
weisen.(12) Dieser
Weg ist seit Menschengedenken der Weg der direkten
spirituellen Transmission, die im Kontext der
Guru-Devotee-Beziehung stattfindet, der Beziehung zwischen
spirituellem Meister und Schüler. Diese Konstellation
ist allerdings verpönt, diskrediert und
mißverstanden in der westlichen (und in der
verwestlichten) Welt, die dem "Ego" huldigt, daß sich
in seinem Bestreben nach Individualität und
Selbstverwirklichung bei gleichzeitiger Leugnung seiner
Begrenztheit niemandem unterwerfen will. Daß
der spirituelle Meister die Funktion der treshold-person
ausübt und uns den Zugang zum Göttlichen wie ein
Fahrstuhlführer vermittelt kann, daß die Hingabe
an den spirituellen Meister in den Zustand der
ego-transzendierenden, ekstatischen göttlichen Liebe
mündet, die niemals gefunden werden kann, solange man
sie sucht (12a) - all das ist in unseren Breiten kaum
bekannt oder mehr oder weniger suffisant infrage
gestellt. Die
Beziehung zwischen spirituellem Meister und Schüler
besteht nicht in begrifflichen Symbolen oder in emotionaler
Anhänglichkeit an eine außergewöhnliche
Person. Die Guru-Schüler-Beziehung ist von ganz realer
physischer Natur. Die reife Beziehung der Hingabe an den
spirituellen Meister ist absolut gesetzmäßig und
notwendig. Diejenigen, die Einwände gegen diese
Beziehung erheben, könnten ebensogut Einwände
erheben gegen die Beziehung zwischen der Erde und der
Sonne... Es
besteht ein tiefgreifender Unterschied zwischen dem Zustand
des gewöhnlichen Menschen und dem Zustand des
vollkommen erwachten Menschen. Dieser Unterschied ist ein
unvorstellbarer Sprung in der Evolution. Aber es gibt einen
ganz realen Prozeß und unmittelbare Hilfe, wodurch
dieser Sprung möglich wird: die Beziehung liebender
Hingabe an (...) den Vollendeten, Spirituellen Meister
(...). Wirkliches
spirituelles Leben besteht nicht nur in einer
Veränderung eures Denkens. Es muß weit mehr
geschehen als ein inneres Erwachen, mehr als nur ein gutes
Gefühl, das man allem gegenüber zu entwickeln
versucht. Die Natur eurer gesamten Existenz muß sich
völlig verändern. Der physische Körper und
seine Energien müssen buchstäblich transformiert
werden (...). Göttliche
Erleuchtung ist eine buchstäbliche Umwandlung des
ganzen Körpers. Es müssen konkrete
psycho-physische Veränderungen geschehen, die genauso
real sind, wie wenn man zusätzliche Arme und Beine
entwickeln müßte. Doch die dramatischsten
Veränderungen finden nicht in der äußeren
Gestalt des physischen Körpers statt, sondern in
anderen Dimensionen. Sie sind genauso real wie die
Entwicklung vom Dinosaurier zum Menschen, und sie sind
genauso dramatisch, aber sie geschehen vor allem auf
feineren Ebenen der physischen Natur des manifesten
Wesens. Es
treten unmittelbare Veränderungen im Nervensystem,
unmittelbare Veränderungen in der Chemie des
Körpers, unmittelbare Veränderungen in den
organischen Funktionen des Gehirns ein. Solche
Veränderungen lassen sich nicht an einem Wochenende
verwirklichen, sie sind ein lebendiger
Wachstumsprozeß. Aber man kann sie beschleunigen und
intensivieren durch die richtige Praxis, die Disziplin
wirklicher Hingabe in der Gesellschaft des Vollkommen
Erwachten Spirituellen Meisters.(13) Wozu
dieser Exkurs über Reich und Spiritualität? Man
schmälert Reichs überragende Leistung nicht, wenn
man folgendes anmerkt: Reich stiftet am Ende Verwirrung,
indem er orgonotisches Funktionieren" mit dem
spirituellen Prozeß vermengt. Man kann ihm zugute
halten, daß er uninformiert war über die
tatsächliche Bedeutung, Funktion und Fähigkeit
eines spirituellen Meisters. Dies wäre aber nicht nur
auf Mangel an Quellen zurückzuführen: Vivekananda
hatte die USA zu Beginn des Jahrhunderts bereist und dort
bis heute kräftige Spuren hinterlassen. Nytyananda in
Ganeshpuri, der Lehrer Muktanandas, oder Ramana Maharshi
waren zu Reichs Lebzeiten weltweit bekannte Adepten der
höchsten Stufen. Ein spiritueller Lehrer von Format
hätte Reich, der so bitter seine Einsamkeit beklagte
(14), einiges zum Stellenwert der Orgonenergie im kosmischen
Mandala zu sagen gehabt. Aber wie viele andere starke
Egos" der Geschichte hat Reich solche Manifestationen
und Inkarnationen des Göttlichen ignoriert und lieber
auf eine unpersönliche göttliche Kraft spekuliert,
die er glaubte erforschen zu können. Was
ist der "Sinn" des Lebens? Was geschieht nach dem Tod? Gibt
es Gott? Einstein
hat sich vor diesen letzten Fragen in Demut verneigt.(15)
Und auch Reich, womöglich der größere Genius
von beiden, muß hier passen wie jeder
Normalbegabte. Es
mag befremdend erscheinen, die Würdigung eines
großen Mannes mit dem zu beginnen, was er nicht
leisten konnte. Im Zeitalter von New Age-Konfusion,
Spiri-Pop und Meditations-Techno, wo jeder jeden für
seine Zwecke einkauft, unterbuttert und verbrät, ist
solche Abgrenzung vonnöten, um ein Werk wie das Reichs,
das auf menschliches Heilwerden zielt, würdigen zu
können. Was
also hat uns Reich hinterlassen? Ungemein Nützliches.
Der praktische Nutzen seiner Entdeckungen steht in einem
grotesk anmutenden Widerspruch zum nach wie vor anhaltenden
Ignoranz-Chor der offiziellen Wissenschaftlichkeit, die
Reich heute wie vor 40 Jahren ins Ghetto der Kurpfuscher und
Verrückten expatriiert. (16) Allerdings
war Reich kein eindimensionaler Mensch. Die Attribute, die
seine Weg- und Lebensgefährten ihm in ihren
Veröffentlichungen (17) zuschreiben, ergeben ein
vielzackiges Profil: hellwache Sinne, präzises
Beobachten, scharfes, unbestechliches Denken,
leidenschaftliche Parteilichkeit für alles Lebendige,
rastlose, physische Vitalität, cholerische
Unduldsamkeit, Fanatismus, Eifersucht und Liebeshunger,
provokante Unkonventionalität. Reich erscheint in
seinem Triumph wie in seinem Scheitern als Mensch von
Shakespearschen Dimensionen, der uns vor allem eines
vorgemacht hat: er hat gelebt. Seine
wissenschaftliche Kühnheit besteht darin, daß er
das Lebendige, das er so vehement in sich spürte, in
fast schon subjektivistischer Manier zur Leitlinie seiner
Forschungen gemacht hat: das ganz persönliche, intime
sinnliche Empfinden war - vor aller Hypothesenbildung und
-überprüfung - stets der Ausgangspunkt seiner
großen wissenschaftlichen Entdeckungen. Reich
hat nicht nur eine Therapie entwickelt, die den psychischen
und psychosomatischen Störungen auf den Grund geht,
sondern dazu auch noch eine weittragende Definition von
Gesundheit erarbeitet. Er hat auf so verschiedenen Gebieten
wie z.B. der Geburtshilfe, der Krebsforschung, der
allgemeinen Gesundheitsvorsorge, der Faschismusanalyse, der
Wetterkontrolle und der wissenschaftlichen Denkmethodik eine
kopernikanische, d.h. orgonomische Wende eingeleitet, in
deren vollen Genuß mit Glück vielleicht unsere
Ur-Enkel kommen werden. Allein
der Aufgalopp seines wissenschaftlichen Hürdenrennens,
die in wenigen Jahren im rasanten Alleingang hergestellte
Veredelung der Freudschen Psychoanalyse zur
Charakteranalyse, ist eine Leistung, die mindestens
nobelpreiswürdig war. Vor allem sein auf präziser
Wahrnehmung beruhendes "funktionelles Denken", seine geniale
Fähigkeit zur Strukturerkennung hinter den beobachteten
Daten, ermöglichten es ihm, als wissenschaftlicher
Superman im Turboschritt von der Psychoanalyse zur
Entdeckung der kosmischen Orgonenergie zu
gelangen. Viele
Stationen lagen dazwischen, die, jede für sich,
ausgereicht hätten, als Krönung eines großen
Forscherlebens in die Geschichte einzugehen: die Entdeckung
der Schichtung der Charakterstruktur über den tiefsten
Emotionen; die Erarbeitung der transpsychologischen
bio-energetischen Natur der Orgasmusfunktion; die Entdeckung
der "Lebensformel"; der Nachweis des Entstehens
bio-energetischen Lebens in den "Bionen"; die Erforschung
energetischer Vorgänge auch außerhalb lebender
Organismen, in der Atmosphäre, im Universum. Auch
wenn Reich sich am Ende mit scheinbar entlegenen Dingen
beschäftigte, wie z.B. der Entstehung von mehrarmigen
Hurrikanen, der Entstehung des galaktischen Spiralnebels
oder der Erforschung der Wüstenbildung: stets konnte er
den roten Faden, den inneren Zusammenhang seines Gesamtwerks
deutlich machen. Das
Kernstück seiner "Sexualökonomie", die früh
entdeckte Orgasmusfunktion, die energetische
Annäherung, Erstrahlung, Überlagerung und
konvulsive Verschmelzung zweier lebender Organismen, blieb
das Grundprinzip, das in modifizierter Form auch in Reichs
späterer Forschung immer wieder die entscheidende Rolle
spielte.(18) Die
Sexualökonomie - der Stein des Anstoßes. Reich
ging es zunächst vor allem um eine
"naturwissenschaftliche, experimentell fundierte Theorie der
Sexualität" (19), nicht mehr und nicht
weniger: Das
Thema Sexualität geht seinem Wesen nach quer durch alle
wissenschaftlichen Forschungsbebiete. Im
Zentralphänomen, dem sexuellen Orgasmus, treffen sich
Fragestellungen aus dem Gebiete der Psychologie ebenso wie
dem der Physiologie, aus dem der Biologie nicht minder wie
dem der Soziologie. Es gibt in der Naturwissenschaft kaum
ein zweites Forschungsfeld, das derart geeignet wäre,
die Einheitlichkeit des Lebendigen darzubieten und vor
engem, trennendem Spezialistentum zu bewahren.
(20) Hätte
Reich nur ein wenig schlampiger geforscht und schwafeliger
formuliert, Ruhm und Ehre wären ihm schon zu Lebzeiten
gewiß gewesen. Über "Sexualität" hätte
man noch mit sich reden lassen. Auch daß er nicht nur
die bekannten sexuellen Funktionsstörungen der
Impotenten und Frigiden benannte, sondern auch die desolate
Sexualität der Protzer, Ficker und Koketten
aufspürte, nahm man ihm noch nicht
übel. Aber
daß er im scheinbar gesunden und normalen
Sexualverhalten die verborgene, epidemische Liebes- und
Hingabestörung als zivilisationstypische
Massenerkrankung entdeckte, sie auf den Begriff der
"orgastischen Impotenz" brachte und damit an die tiefsten
Ängste rührte - all das brachte ihm nicht die
Anerkennung, sondern den Haß der
Würdenträger und Opinionleader ein. So genau
wollte man es nun doch nicht wissen. Besonders
nicht diejenigen, die sich von Berufs wegen tagtäglich
mit den sexuellen Problemen ihrer Patienten zu befassen
hatten. Reich hatte nicht nur den Ausweg aus dem
neurotischen Unglück gefunden, die Freisetzung der
genitalen Sexualität, sondern er war auch auf die
mächtigen Kräfte gestoßen, die sich der
Heilung widersetzen: die genitalen Ängste, die in den
Katakomben der Charakterpanzerung verschanzt sind und von
dort, wie aus einer unterirdischen Schaltzentrale, das
durchschnittliche Leben in Angst, Vermeidung, Lieblosigkeit
und Banalität fernsteuern. Kaum jemand der
professionellen Therapierer konnte sich für Reichs
Entdeckungen begeistern oder war bereit und in der Lage, ihm
zu folgen. Schon
als er 1923 - sechsundzwanzigjährig - seine
Überlegungen und Befunde zur Sexualökonomie
erstmals im engeren Kreis der Psychoanalytiker um Freud
vortrug, war die Reaktion unkollegial frostig: Während
ich vortrug, merkte ich eine Vereisung der Atmosphäre
in der Versammlung. Ich pflegte gut zu sprechen. Man hatte
mir bis dahin immer interessiert zugehört. Als ich
endete, herrschte eisige Stille im Raum. Nach einer Pause
begann die Diskussion. Meine Behauptung, daß die
Genitalstörung ein wichtiges, vielleicht das wichtigste
Symptom der Neurose wäre, sei falsch; ebenso die
Behauptung, daß sich aus der Beurteilung der
Genitalität prognostische und therapeutische Handhaben
ergäben. Zwei Analytiker behaupteten strikt, daß
sie Haufen weiblicher Patienten "mit völlig gesundem
Genitalleben" kannten. Sie schienen mir aufgeregter als
ihrer gewohnten wissenschaftlichen Reserviertheit entsprach.
(21) Knapp
dreißig Jahre später, im Interview mit Eissler,
wird Reich, rückblickend, deutlicher: Anfangs
verstand ich nicht, woher diese Animosität kam.
Zwischen 1920 und 1925 oder 26 wurde ich sehr hoch
angesehen. Und dann fühlte ich jene Animosität.
Ich hatte etwas Schmerzliches berührt -
Genitalität. Sie mochten das nicht. Sie wollten das
nicht (...) Ich weiß nicht, weshalb ich zögere,
aber ich zögere zu sagen: Die meisten Psychoanalytiker
waren genital gestört, und deshalb haßten sie die
Genitalität. Das ist es. Ich versichere Ihnen,
daß ich das nicht sage, um irgend jemandem zu schaden
(...) Es gab Fälle, wo Psychoanalytiker unter dem
Vorwand einer genitalen Untersuchung, einer medizinischen
Untersuchung, ihre Finger in die Vagina ihrer Patientin
einführten. Das geschah recht häufig. Ich
wußte das (...) Da die Analytiker selbst in einem so
hohen Maße gestört waren, konnte die große
Errungenschaft Freuds, nämlich die Entdeckung der
sexuellen Ätiologie der Neurosen, nicht überleben.
Ich versichere Ihnen, daß das gleiche Problem heute
für die Orgonotiker bei der Genitalitätstheorie
auftaucht. Sie wagen sich nicht daran. Diese gepanzerten
Charakterstrukturen können mit der natürlichen
Genitalität nichts anfangen. Es kann noch fünfzig
Jahre dauern, bis es so weit ist...(22) Anders
als solche böhsen Onkelz, und anders als die zig
Millionen, deren Sexualität damals wie heute mit Angst,
Schrecken, Schuld und Scham belastet war und ist, war Reich
offenbar gesegnet mit einer unproblematischen
psycho-sexuellen Entwicklung. Freimütig beschreibt er
nicht nur sein sexuelles Erwachen in Kindheit und
Pubertät (23), sondern auch sein frühes genitales
Schlüsselerlebnis: In
his past was the experience of an embrace with a young woman
in the village where he had been stationed with his regiment
in 1916. WR was then nineteen years old. He had known the
genital embrace since he was thirteen, without suffering
from any kind of impotence, with great pleasure and even
satisfaction. But here, for the first time, he experienced
what later was to be called orgastic potency." He
experienced the true meaning of love. With this woman the
embrace was entirely different from any he had ever known.
He could find no words to accurately describe this
difference. Terms such as sweet," melting,"
floating in space," freed from the pull of the
earth" seemed to come closest. Usually,
in the genital embrace the mind somehow remains aloof and
the genital organ appears detached from the rest of the
body, doing its business" of pleasure. The partner is
felt as somebody else," if not as completely alien or
disgustingly foreign. The touch" of the body and of
the genital organs in particular, though pleasant and warm,
does not affect the whole self. The self is the doer rather
than the object of love. This seems to be expressed in the
American term making love," which designates the
embrace. WR had known this kind of making love" for
many years, as did other men in adolescence who had broken
through the fences of a tightly shut public morality. But
here, for the first time, he fell in love." He was not
merely a male in union with a female. He was lost in the
experience. There was no boundary line between him and the
girl. There was not the least experiential distinction
between the two organisms. They were one organism, as if
united or melted into each other. Everything in this unity
was flowing and floating. There was no thought" or
idea" of doing this" or trying" that, and
there could be none. The melting, streaming merger was calm
and majestic, in no rush to reach the final fulfillment. Her
love organ embraced and gently caressed his organ.
Appreciation and a deep seriousness filled the twin unity.
When the orgasm finally overtook them they burst into tears
in a calm but intense manner, and they sank deeper and
deeper into each other. When the sweet waves had passed
away, there was still a rolling, like the gentle rocking of
a boat. They rested quietly within each other for a long
time until they fell asleep in complete happiness. The unity
of the two organisms was there all through the deep sleep.
In the morning their limbs felt pure and light. There was
perfect clarity in the senses and cleanliness of emotion. No
evil or ugly thought could have arisen in their minds in
this emotional state. They were lovely and
loving.(24) Sexualökonomie
- das Wort klingt altbacken-sinister und weckt
persönliche Erinnerungen: Als 20jähriger frage ich
schüchtern im Buchladen nach der "Funktion des
Orgasmus" und werde von der unbeirrbar selbstsicheren
Buchhändlerin aufgeklärt, daß es "Die
Funktion des Organismus" heißt. Erinnerungen
an proppenvolle, reval-geräucherte, neongelbe
68er-Seminarräume in "besetzten" oder gar "befreiten"
Uni-Instituten, an erschöpfende
Vollversammlungs-Rituale, inszeniert von uns adoleszenten
Dramaturgen mit angelesenem und halbverstandenem
Klassenkampf-Vokabular; Erinnerungen an die
häßlich-blauen Marx/Engels-Ausgaben aus dem
Dietz-Verlag und die depri-braunen Lenin-Schwarten mit dem
allerdings hübschen Lesebändchen drin. Daß
man mit solchen Anmutungen nicht völlig schief liegt,
bestätigt uns Sharaf: Reich
prägte den Begriff "Sexualökonomie" um 1930 herum.
Er meinte damit das "Kernstück des Wissens...das sich
mit der Ökonomie der biologischen Energie im Organismus
befaßt, mit seinem Energiehaushalt" Daß er hier
den Begriff "Ökonomie" benutzt, ist auch auf den
marxistischen Einfluß zurückzuführen. Die
Sicherung der Warendistribution erfordert eine rationale
Politökonomie. Eine rationale Sexualpolitik ist nichts
anderes, wenn man dieselben offensichtlichen Prinzipien auf
die sexuellen statt auf die wirtschaftlichen
Bedürfnisse anwendet. (25) Der
Terminus Sexualökonomie überdauerte Reichs kurzen
und vergeblichen Versuch, ...die
linke Bewegung durch die Einführung der grundlegenden
psychiatrischen Auffassungen in die politische Soziologie
fortschrittlicher zu gestalten. (26) Wenn
Reich im Zusammenhang mit der "Sexualökonomie" vom
"Energiehaushalt" im Organismus spricht, fällt uns das
heutzutage nicht weiter auf. Jeder redet von Energie, auch
der Sportreporter und die Aerobic-Frau, der Masseur und die
Apothekerin. Aber als der junge Psychoanalytiker Wilhelm
Reich um 1920 herum begann, die Dinge "energetisch" zu
sehen, leitete er damit eine Revolution in der
Psychotherapie ein. Bis dahin war es unhinterfragte
Selbstverständlickeit, daß das therapeutische
Interesse den psychischen Inhalten galt, vor allem den
typischen emotionalen Konflikten und der kaum
überschaubaren, weit verzweigten psychopathologischen
Symptomatik. Psychotherapie bestand weitgehend darin, in
diesem psychologischen Unterholz Verbindungen zu
knüpfen, Zusammenhänge zu stiften, von deren
Kenntnisnahme und Einsicht man sich die Heilung der Symptome
versprach. Wie heute noch in der "tiefenpsychologisch
fundierten" Psychotherapie, wurde versucht, frühe,
verdrängte bzw. vergessene biographische
Schlüsselerfahrungen oder -konflikte aufzudecken, von
denen sich die akute Symptomatik herleiten ließ. Reichs
neuer energetischer Ansatz hieb wie eine Machete durch
dieses Gestrüpp des psychologischen Wildwuchses, durch
das Chaos der psychotherapeutischen Beliebigkeit. Seine
Untersuchungen zur Funktion des Orgasmus hatten ihn zu der
Erkenntnis gebracht, daß die psychischen Inhalte
abhängig waren von den energetischen Prozessen im
Organismus. Das freie Fließen der biologischen Energie
wurde zu einer Art "Null-Algorhythmus", zum Grundmodell von
"Gesundheit" für die therapeutische Arbeit, die man nun
nicht mehr "Psycho"-Therapie nennen konnte. Reich nannte sie
functional orgone therapy. Ihr erklärtes Ziel war es,
die Bio-Energie im Organismus zu mobilisieren und die
energetischen Blockaden aufzulösen bzw.
durchlässiger zu machen. Dabei spielte es keine Rolle
mehr, welche biographischen Erfahrungen, emotionalen
Konflikte etc. am Zustandekommen der energetischen Stasis
beteiligt waren: The
patholocical fantasies in all their confusion and endless
complexity collapse like a house of cards when the
biological energy starts again to function naturally, i.e.,
economically. (27) Reichs
energetischer Ansatz ging damals wie heute gegen den
Mainstream der vorherrschenden Naturwissenschaft, die in
"Materie" und "Masse" nicht weiter ableitbare
Naturphänomene sah. Auch in Einsteins
Energie-Definition wird Energie als Masse beschrieben, die
sich mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegt, aber, so
konstatiert Reich: ...it
was still "mass" and not in purely primary terms, mass-free.
(28) Reichs
Vermutung war, daß Masse aus Energie entsteht, ohne
dies zunächst belegen zu können: Today
I can no longer explain why in my natural scientific
conception I gave preference to the "energy" process over
"matter" or "substance"...Embryonic functionalism gave
precedence to energy in natural development, without being
able to prove it. And there was nothing at the time which
would have explained where a young natural scientist might
have acquired this prejudice. It was not a mystical
inclination, because evolving functionalism sharply rejected
any metaphysical conception of nature, such as entelechy,
vis. spiritualism. From my present standpoint, it seems as
if this preference was based simply in the sensations of
motion in my own organism. It was nothing more than a
prejudice which later proved to be well-founded.
(29) Eine
weitere unbewiesene Annahme stand am Beginn von Reichs
wissenschaftlicher Entdeckungsreise: emotionale Prozesse
gehören zum Bereich der Naturphänomene und sind
als solche der naturwissenschaftlichen Untersuchung
grundsätzlich zugänglich. Aus
diesen beiden Prämissen, der Präferenz "Energie
vor Masse" und der Zuordnung der Emotionen zu den
Naturphänomenen leitete Reich die entscheidende
Schlußfolgerung ab: emotionale, oder allgemein:
psychische Prozesse, haben eine energetische
Basis. In
der "Funktion des Orgasmus" beschreibt Reich den
abenteuerlich anmutenden Entdeckungs- und
Verifizierungsprozess dieser energetischen Basis, der noch
auf dem Territorium der Psychoanalyse begann: bei seinem
Bemühen, Ordnung in das Durcheinander der
Widerstände und der Widerstandsarbeit zu bringen,
stieß er zunächst auf die "physiologische
Verankerung der Widerstände" in der Muskulatur und
konnte nach einigen Jahren hingebungsvoller Forschung die
meist komplexe und komplizierte psychische Symptomatik auf
eine tieferliegende Pulsationsstörung
zurückzuführen, auf eine Störung des
rhythmischen Gleichgewichts der expansiven und kotraktiven
Grundbewegungen. Reichs
sexualökonomische Theorie besagt, daß die
Regulation des "Energiehaushalts" über die
beständige Abfolge eines bio-energetischen Viertakts
erfolgt, die er als "Lebensformel" beschrieb: Spannung,
Ladung, Entladung, Entspannung. Energie wird durch
Nahrungsaufnahme und Atmung aufgebaut und in verschiedenster
Weise entladen. Da meistens mehr Energie aufgebaut als
entladen wird, entsteht ein Energie-Ungleichgewicht. In der
Wiederherstellung der energetischen Balance durch Abfuhr
überschüssiger Energie sah Reich die Funktion des
Orgasmus. Orgastische
Abfuhr sah Reich dabei nicht als Instrument zur
Energieabfuhr an, das technisch einsetzbar ist, vielmehr
beschrieb er den Prozeß vom anfänglichen
Spannungsaufbau über das Herbeisehnen und Suchen der
genitalen Umarmung und der orgastischen Entladung als
periodisch wiederkehrenden, natürlichen organischen
Prozeß: Energieaufbau über einen bestimmten Punkt
hinaus wird subjektiv als sexuelle Erregung empfunden;
Energie oberhalb des "Zündpunkts kann als sexuelle
Energie oder die von Freud beschriebene Libido angesehen
werden." (30) Mit
der Erarbeitung der "Lebensformel" und dem Kriterium der
"orgastischen Potenz" schuf Reich zugleich eine operationale
Definition für Gesundheit und eine allgemeine
Zielvorgabe für die psychotherapeutische und
später für die orgontherapeutische
Arbeit. Er
fand jedoch auch heraus, daß der reibungslose Viertakt
der Lebensformel und die vollständige orgastische
Abfuhr bei den meisten Menschen, auch den sexuell Aktiven,
mehr oder weniger stark beeinträchtigt war: durch das
System chronischer muskulärer Kontraktionen im
Organismus, das er als bio-energetische Grundlage der
meisten Störungen erkannte und "Panzerung" nannte. Die
besondere Struktur der Panzerung, die Reich ausfindig
machte, nämlich ihre segmentäre Anordnung, ist
eine weitere großartige Entdeckung, die seinen
außerordentlichen diagnostischen Scharfblick beweist,
der ihn jenseits konventioneller wissenschaftlicher
Betrachtungsweisen fündig werden ließ. Die
"sieben Segmente", die Hauptstruktur der Panzerung, fand
Reich, indem er Vorgängen im Organismus
größte Aufmerksamkeit schenkte, die ...nicht
den anatomischen und physiologischen Verläufen der
Muskeln, Nerven und Gefäße entsprechen, sondern
nach bestimmten, emotionell bedeutsamen Organen gruppiert
sind. Das krankhafte Erröten zum Beispiel ist
gewöhnlich auf Gesicht und Hals beschränkt,
obgleich die Gefäße im Organismus wesentlich der
Länge und nicht der Breite nach verlaufen...Wir
begegnen nun derselben Tatsache bei der
Auflösungsarbeit am muskulären Panzer. Die
einzelnen muskulären Blocks folgen nicht dem Verlauf
des Muskels oder eines Nerven, sondern sie sind durchwegs
von den anatomischen Verläufen unabhängig. Sucht
man nun nach einer Regel, der sie notwendigerweise folgen
müssen, so entdeckt man bei sorgfältiger
Beobachtung des Durchschnitts der Fälle verschiedener
Erkrankungen, daß die muskuläre Panzerung
segmentär angeordnet ist. (31) Unabhängig
von der segmentären Anordnung der Panzerung formulierte
Reich ein weiteres Strukturmodell, ebenso simpel wie wahr:
das Drei-Schichten-Modell: Umfassende
und gewissenhafte Heilarbeit am menschlichen Charakter hat
mir die Überzeugung beigebracht, daß wir beim
Beurteilen menschlicher Reaktionen grundsätzlich mit
drei verschiedenen Schichten der biophysischen Struktur zu
rechnen haben. Diese Schichten der Charakterstruktur sind,
wie ich in meinem Buch Charakteranalyse dargelegt habe,
autonom funktionierende Ablagerungen der sozialen
Entwicklung. In der oberflächlichen Schichte seines
Wesens ist der durchschnittliche Mensch verhalten,
höflich, mitleidig, pflichtbewußt, gewissenhaft.
Es gäbe keine soziale Tragödie des Menschentiers,
wenn diese oberflächliche Schichte des Wesens mit dem
tiefen natürlichen Kern unmittelbar in Kontakt
wäre. Dies ist nun tragischerweise nicht der Fall: Die
oberflächliche Schichte der sozialen Kooperation ist
ohne Kontakt mit dem tiefen biologischen Kern der Person;
sie ist getragen von einer zweiten, einer mittleren
Charakterschichte, die sich durchwegs aus grausamen,
sadistischen, sexuell lüsternen, raubgierigen und
neidischen Impulsen zusammensetzt. Sie stellt das Freudsche
»Unbewußte« oder »Verdrängte«
dar, die Summe aller sogenannten »sekundären
Triebe« in der Sprache der
Sexualökonomie. Die
Orgonbiophysik vermochte das Freudsche Unbewußte, das
Antisoziale im Menschen, als sekundäres Resultat der
Unterdrückung primärer biologischer Antriebe zu
begreifen. Dringt man durch diese zweite Schichte des
Perversen tiefer ins biologische Fundament des
Menschentieres vor, so entdeckt man regelmäBig die
dritte und tiefste Schichte, die wir den »biologischen
Kern« nennen. Zutiefst, in diesem Kern, ist der Mensch
ein unter günstigen sozialen Umständen ehrliches,
arbeitsames, kooperatives, liebendes oder, wenn
begründet, rational hassendes Tier. Man kann nun in
keinem Falle charakterlicher Auflockerung des Menschen von
heute zu dieser tiefsten, so hoffnungsreichen Schichte
vordringen, ohne erst die unechte scheinsoziale
Oberfläche zu beseitigen. Fällt die Maske der
Kultiviertheit, so kommt aber zunächst nicht die
natürliche Sozialität, sondern nur die
perverssadistische Charakterschichte zum
Vorschein. Diese
unglückselige Strukturierung ist dafür
verantwortlich, daß jeder natürliche, soziale
oder libidinöse Impuls, der aus dem biologischen Kern
zur Aktion vordringen will, die Schichte der sekundären
perversen Triebe zu passieren hat und dabei abgebogen wird.
Diese Abbiegung verändert den ursprünglich
sozialen Charakter der natürlichen Impulse ins Perverse
und zwingt derart zur Hemmung jeder echten
Lebensäußerung. (32) Reichs
Körpertherapie hat also eine zweifach definierte
Zielrichtung: vom Kopf zum Becken und von der Fassade zum
Kern der Persönlichkeit. Hinter solchen lapidaren
Formulierungen verbirgt sich Reichs zentrale Entdeckung und
Wahrheit: die Funktion des Orgasmus, die genitale Wahrheit.
Sie birgt immensen wissenschaftlichen, sozialen und
politischen Zündstoff. Die Reaktion der Welt auf diese
Wahrheit hat Reich lebenslang zum Verfolgten gemacht, ihn
ins Gefängnis gebracht und vermutlich auch sein Leben
weit vor der Zeit beendet. Die
Heilung nicht nur der Symptome, sondern der gesamten
neurotischen und biopathischen Disposition, so Reich, tritt
erst ein, wenn die Blockierungen im Organismus Segment
für Segment gelöst worden sind und
schließlich, im Verlauf der Lösung des Beckens,
der Grundreflex freigesetzt wird, den Reich in der Qualle
wie in der Amöbe überall im Lebendigen ausfindig
machte und den er Orgasmusreflex nannte, weil er ihn in der
menschlichen Sexualität besonders ausgeprägt
vorfand. Mit
dem "Orgasmusreflex" führte er ein Reizwort ein, das
noch heute obdachlos durch die wissenschaftlichen
Wörterbücher irrt. Damit aber nicht genug, Reich
schuf weitere Termini, die der Fachwelt nur schwer über
die Lippen kamen: orgastische Potenz (vice versa orgastische
Impotenz ) nannte er die Fähigkeit zur
vollständigen orgastischen Abfuhr in der genitalen
Umarmung, und Genitalität die Form von Erwachsensein
und bio-psychischer Gesundheit, die durch die die
Wiederherstellung der bio-energetischen Balance garantiert
wird. Er
unterschied den neurotischen Charakter vom genitalen
Charakter und machte das Maß der Zumutung
schließlich voll, indem er vom Diesseits und Jenseits
der orgastischen Potenz als "von zwei einander fremden und
wesentlich andersartigen biologischen Zuständen"
sprach: Der
gepanzerte Organismus empfindet keine plasmatischen
Strömungen, im strengen Gegensatz zum ungepanzerten
Organismus. In demselben Maße, in dem die Panzerung
sich löst, stellen sich die Strömungsempfindungen
ein, die der Gepanzerte zunächst als Angst erlebt. Ist
die Panzerung völlig gelöst, so werden
orgonotische Strömungsempfindungen lustvoll erlebt.
Dadurch verändert sich alles Reagieren in so
grundsätzlicher Weise, daß man von zwei einander
fremden und wesentlich andersartigen biologischen
Zuständen sprechen darf. Die Veränderung gelingt
natürlich nicht in jedem Falle. Aber wo sie gelingt,
gehen mit ihr auch fundamentale Veränderungen der
Organempfindungen einher; und mit den Organempfindungen
verändert sich das gesamte "Weltbild" rasch und
radikal. (33) Neben
dem neurotischen und dem genitalen Charakter beschrieb Reich
noch eine weitere Basis-Struktur, wiederum mit Vokabeln, die
dem humanistisch-wissenschaftlich vorgebildeten Rezipienten
schrill ins Ohr rasselten: er sprach von der emotionellen
Pest bzw. von den emotionell Pestkranken. (34) Emotionelle
Pest ist eine besondere und besonders gravierende Form der
Panzerung, da sie sich nicht nur auto-destruktiv, sondern
vor allem sozial-destruktiv auswirkt, und zwar
aktiv-verfolgend, angetrieben von starken
Vernichtungsimpulsen vor dem Hintergrund reaktiver
Haßreaktionen auf jede Art lebendiger Beweglichkeit im
persönlichen Umfeld und weit darüber hinaus, je
nach dem realen Macht- und Einflußradius des
Pestkranken. Das
Wesen der emotionellen Pest hatte mehr als hundert Jahre vor
Reich schon William Blake in zwei drastische Sätze
gefaßt (35): He
who desires but acts not, breeds pestilence. Sooner murder
an infant in its cradle than nurse unacted
desires. Mit
der Beschreibung der Mechanik der emotionellen Pestreaktion
und der bio-energetischen Vorgänge im emotionell
Pestkranken fand Reich eine hinreichende wissenschaftliche
Erklärung für das "Böse" in der Welt, die
"strukturelle Bösartigkeit des menschlichen Wesens"
(36), der er selbst später zum Opfer fiel. Der
Pestcharakter ist therapeutischen Bemühungen im Kern
weitgehend unzugänglich und erfordert besondere
therapeutische Erfahrung und Qualifikation. Reichs
sexualökonomische Theorie ist wahr. Wenn die Therapie
glückt, ist nicht nur die genitale Funktion
verändert, sind nicht nur unterleibslose Herzlichkeit
und kalter Sex passé. Die ganze Person ist
transformiert, und die neurotische Angst löst sich mit
der Zeit auf, weil ihr die bio-energetische Grundlage
entzogen wurde. Die
Beschreibung des "genitalen Charakters" - wieder eine von
Reichs starken Wortschöpfungen - ist im Kern
zutreffend: sie beschreibt nichts anderes als Erwachsen-Sein
auf der Grundlage emotional-sexuellen
Glücks. Die
sexuelle Energie ist die mächtigste Kraft im
Organismus. Sie ist identisch mit der Lebensenergie und
nicht dazu da, nur "entladen" zu werden. Wenn sie "in
Umlauf" gebracht werden kann, wenn sie frei im Organismus
zirkulieren kann, befreit sie nicht nur die genitale
Funktion, sondern nährt und vitalisiert den gesamten
Organismus, badet jedes Organ und jede Zelle. Sie
öffnet die Augen, das Herz, den Solar Plexus und
verbindet alle Zentren miteinander. Erst wenn der Organismus
durchlässig ist und überfließend mit
sexueller Energie und Lebenskraft, ist die orgastische
Abfuhr total und regenerativ. Sexuelle
Praxis, die nur den kürzesten Weg der genitalen
"Entladung" sucht (konventioneller Orgasmus), hat meistens
auch nur kurzfristig stressreduzierende Wirkung, wird zur
Sucht und hat wie jede Sucht degenerative Effekte. Die
Funktion des Orgasmus ist nicht die Stressreduktion, sondern
das Wiederherstellen der bio-energetischen Homöostase.
Damit die Energie derart diffundieren kann, ist es
erforderlich, daß vor der Lösung des Beckens auch
die oberen Segmente gelöst worden sind. Von der
"Funktion des Orgasmus" kann keine Rede sein, wenn die
bio-energetische Pulsation im Körper infolge Panzerung
nicht einheitlich, sondern fragmentiert oder zersplittert
ist. Dann kann keine regenerative Entladung stattfinden, nur
Entleerung. Omne animal post coitum triste est ist eine
Aussage von der Position der orgastischen
Impotenz. Reichs
Spannungs-Ladungs-Formel ist eine allgemeine Beschreibung
des Lebensprozesses und nur bedingt gültig als
Leitlinie für eine regenerative sexuelle Praxis, als
die sie oft mißverstanden und zu der sie oft
verkürzt wird. Das Potential unserer Sexualität
geht über die "Funktion des Orgasmus" hinaus und ist
mit dem Auf- und Entladungsmodell nicht hinreichend zu
beschreiben. Wieder
sind es die großen spirituellen Traditionen, die Reich
einiges zu sagen haben, auch und gerade was Sexualität
angeht. In
den Traditionen des chinesischen Taoismus und der indischen
Tantra-Schulen sowie in ihren modernen Adaptionen (37) ist
die genitale Entladung eine untergeordnete und
unerwünschte Form der sexuellen Erfahrung, die
zugunsten einer noch lustvolleren und heilsameren Variante
umgangen wird: When
exhalation and whole body relaxation and permeation is
applied previous to genital discharge, there is an intensely
pleasurable release of Energy to the entire nervous system
and the entire body. The Life-Force is not discharged. It is
allowed to permeate the organism. This not only allows the
sex play to actually increase our present level of vitality
(rather than decrease it, as it does in the genital
discharge), but it stimulates the entire nervous system and
endocrin gland system in a manner that is intensely
pleasurable, ultimately regenerative in its effects on body
and mind, and also compatible with continuous intuition of
the Divine Reality. (38) Taoistische,
tantrische und ähnliche sexuelle Praxis scheinen Reichs
orgasmuszentrierter Sichtweise überlegen, bieten die
weitergehende Vision, was den Zusammenhang von
Sexualität, Lebensfreude, Gesundheit und spiritueller
Entwicklung betrifft. Sie haben jedoch einen Haken und sind
nicht ohne weiteres praktizierbar für Normalbürger
westlicher Prägung: es handelt sich weitgehend um
jahrhundertelang unter Verschluß gehaltene esoterische
Praktiken, die für fortgeschrittene Schüler
entwickelt wurden. Sie setzen meistens ein hohes Maß
an Disziplin, emotional-sexueller Reife und organismischer
Lusttoleranz voraus, sowie relative Freiheit von
automatischem Entladungsdrang in sexueller, emotionaler,
mentaler und sonstiger Hinsicht. Mit anderen Worten: sie
setzen ein gewisses Maß an Ent-Panzerung voraus. Damit
sind wir wieder bei Reich. Reich hat keine esoterischen
Praktiken entwickelt, sondern eine Therapie für
westlich geprägte Normal-Neurotiker, die im Prinzip
alle an der gleichen Störung leiden: der zeittypischen
Beschädigung ihrer emotional-sexuellen Gesundheit. Die
Restaurierung der emotional-sexuellen Basisfunktionen und
ihre Re-Integration in den Gesamtorganismus und die
Gesamt-Persönlichkeit mag aus der Sicht eines
taoistischen Meisters eine bescheidene Zielsetzung sein;
für Westlich- Zivilisationsgeschädigte war und ist
es ein erstes, notwendiges Etappenziel in der
persönlichen Entwicklung, hinter dem zu viele
zurückbleiben und über das zu wenige
hinausgehen. In
diesem Sinne ist nicht nur Reichs sexualökonomische
Theorie wahr; auch die darauf aufbauende Körpertherapie
funktioniert im Prinzip, und zwar dann, wenn Klient und
Therapeut "Spur halten" in Richtung Genitalität. Manche
Autoren, die sich auf Reich berufen, nehmen es nicht mehr
ganz so genau mit der Sexualökonomie. Der Zusammenhang
zwischen genitaler Sexualität und psychophysischer
Gesundheit wird oft relativiert (39), oder die
Sexualökonomie wird allgemein bestätigt, aber im
Kern relativiert, indem die Bedeutung der orgastischen
Potenz abgeschwächt wird (40). Die
Ergebnisse der Therapie bleiben jedoch deutlich hinter den
Möglichkeiten zurück, wenn der Orgasmusreflex sich
im Verlauf der Therapie nicht herausbildet und der Klient in
seinem Liebesleben niemals die Erfahrung der totalen
genitalen Entladung im Sinne Reichs Definition von
orgastischer Potenz macht. Die
oft unbefriedigenden Therapieergebnisse sind m. E. nicht,
wie Lowen meint (40a), auf einen Mangel an Durcharbeitung
der psychischen Problematik zurückzuführen,
sondern auf das Fehlen eines Umfelds, welches den
Prozeß des Klienten unterstützt und
herausfordert. Dies wirft ein Licht auf die relative
Ineffektivität von klassischer "Einzeltherapie" bei
unverändertem pathogenem Umfeld und fordert uns schon
lange auf, effizientere Formen von Gruppenarbeit und
Community-Leben herzustellen. Daß
und warum die Therapie so oft nicht funktioniert, ist
bereits an anderer Stelle (41) diskutiert worden. Ein
allgemeinerer Grund dafür liegt darin, daß Reichs
wissenschaftliches Paradigma von vielen
Körpertherapeuten und Ausbildungsinstitutionen noch
nicht nachvollzogen wird. In
seinem hervorragenden Begleitband zu Reichs Orop Wüste
(42) geht Arnim Bechmann aus wissenschaftstheoretischer
Sicht der Frage nach, weshalb Reich die wissenschaftliche
Anerkennung versagt geblieben ist. Den Hauptgrund sieht
Bechmann darin, daß sich zwei miteinander unvereinbare
wissenschaftliche Paradigmen
gegenüberstehen: Die
Orgonomie (im Sinne von Orgontheorie und der durch sie
abgeleiteten Praxis) beinhaltet eine Deutung von Welt, die
sich essentiell von der herrschenden naturwissenschaftlichen
Sichtweise der Dinge unterscheidet. Diese Differenz liegt in
der Behauptung von der Existenz der Orgonenergie. Reich
stellt damit in seinem Werk dem naturwissenschaftlichen
Paradigma seiner Zeit (das auch noch in unserer Zeit
herrscht) ein neues, eigenes, andersartiges Paradigma
gegenüber... Treffen
zwei Paradigmen über dem "gleichen Ausschnitt von Welt"
(Objektbereich) konkurrierend aufeinander, so gibt es
zunächst keine Spielregeln dafür, wie dieser
Wettkampf auszutragen ist (...) Ist eines dieser Paradigmen
das "herrschende" und das andere ein "Außenseiter"
(gleichgültig ob ein neuer oder alter), so besetzt das
herrschende Paradigma zunächst die stärkere
Position... Gemessen
am herrschenden Paradigma erscheint das konkurrierende
"Außenseiterparadigma" als verrückt. Und
tatsächlich erscheint es ihm gegenüber auch
ver-rückt: Es steht an einem anderen
Ort. Reich
wurde - wie andere vor und nach ihm - vom Vorwurf,
verrückt zu sein, nicht verschont. Deutet man Reichs
"Scheitern in der ersten Runde" aus dieser Perspektive, so
mußte dies - unabhängig vom Wahrheitsgehalt
seiner Lehre - fast zwangsläufig eintreten. Denn die
Orgontheorie war und ist dem herrschenden
naturwissenschaftlichen Paradigma so fremd, daß dieses
sich allein schon aus Gründen der Selbstbehauptung
gegen sie sperren muß. (43) Neben
"der Behauptung von der Existenz der Orgonenergie" nennt
Bechmann eine zweite, wesentliche Konstituante des
Reichschen Paradigmas: die in der Orgonomie geforderte Art
der Wahrnehmung: Je
differenzierter und subtiler wahrgenommen werden soll, um so
mehr muß der Beobachter daran arbeiten, daß sein
"Inneres" zum Schweigen kommt, so daß er ganz
"Wahrnehmung" wird und sich vollständig auf das
Beobachtete konzentriert. Dazu ist Schulung und
Persönlichkeitsentwicklung
erforderlich... ...Durch
die Einbeziehung der emotionalen Empfindungen beim Blick auf
den beobachteten Objektbereich geht die in der Orgonomie
verwandte Form von Wahrnehmung deutlich über das
hinaus, was im Bereich gängiger Naturwissenschaft vom
Beobachter gefordert wird. Das von Reich entwickelte
Wahrnehmungskonzept, das Ähnlichkeiten mit der
goethischen Art des An-Schauens aufweist, kann als zweites,
originäres Fundament des Reichschen Paradigmas der
Orgonomie angesehen werden. (44) Oder,
mit Reichs Worten: Um
die Natur zu erforschen, müssen wir den Gegenstand der
Forschung wörtlich genommen lieben. Wir müssen, in
der Sprache der Orgonphysik ausgedrückt, unmittelbaren
und ungestörten orgonotischen Kontakt mit dem
Gegenstand der Forschung haben. (45) Wie
vieles, was auf Reich zurückgeht und vor der
herkömmlichen wissenschaftlichen Auffassung keinen
Bestand hat, hat auch seine Körpertherapie
unverkennbare "Praxisrelevanz": Reich
hat zu Lebzeiten den Durchbruch nicht geschafft, aber sein
Werk ist deshalb nicht untergegangen. Das Reichsche
Paradigma verfügt nämlich über eine Waffe,
die zunehmend Wirkung zeigt. Diese Waffe ist die
Alltagspraxis (...) ...das
orgonomische Paradigma regt zu einem Umgang mit der Welt an,
der zu Wirkungen führt, die im herrschenden
naturwissenschaftlichen Paradigma undenkbar sind. Zu diesen
Wirkungen, die zum Teil für das alltägliche Leben
bedeutungsvoll geworden sind, zählen
beispielsweise -
die auf Reich zurückgehende bio-energetische
Körper- und Psychotherapie -
die Wirkungen des Orgonakkumulators allgemein (...) und bei
Krebs im besonderen (...) -
die Beeinflussung von lebenden Systemen und/oder dem Klima
durch den "Medical DOR-Buster" und den Cloudbuster (...)
sowie -
die Sanierung von Gülle, Abwasser oder Gewässern
nach dem Plocher-Energiesystem" In
der heutigen Zeit, in der das herrschende
naturwissenschaftliche Paradigma zunehmend in
Bedrängnis gerät, "punktet" die Orgonomie auf der
Praxisebene recht respektabel. (46) Reichs
Körpertherapie funktioniert jedoch nicht oder nur
unzureichend, wenn man das "neue" Paradigma (Orgonenergie,
energetische Grundlage der emotionalen Prozesse) nur ideell
begrüßt, ansonsten aber auf Herangehensweisen und
Wahrnehmungsstandards zurückgreift, die dem "alten"
Paradigma zuzurechnen sind: Subjekt-Objekt-Trennung,
"klinische" Haltung d.h. generelle "Behandlungs"-Haltung,
vorrangig analytisch-separierendes, "diagnostisches"
Wahrnehmen, therapeutisches Selbstverständnis, das
durch die Berufsrolle definiert ist, therapeutische Haltung,
etc. Am
stärksten kommt diese "alte" Herangehensweise in der
nach wie vor üblichen Klassifikation des Klienten (z.B.
"Charakterstrukturen") und der entsprechenden Zuordnung von
Interventionsalternativen, Behandlungstechniken und
kompletten Therapiestrategien zum Ausdruck. Auch
wenn viele "reichianische" Richtungen mittlerweile dazu
übergegangen sind, solche typologischen oder
symptomatologischen Klassifizierungen nicht mehr nach den
psychologischen Inhalten, sondern nach den energetischen
Verläufen im Körper vorzunehmen, so bleibt doch
die Grundhaltung unverändert: "Diagnose" und
"Behandlung" im Rahmen eines konventionellen therapeutischen
Settings. Daß
genau dieses traditionelle psychotherapeutische Setting mit
all seinen überkommenen Wahrnehmungs-, Handlungs- und
Glaubensselbstverständlichkeiten, Heiligen Kühen
und alten Zöpfen (z.B. die aus den Zeiten der
Psychoanalyse mitgeschleppte Übertragungslogik, der
Glaube an die Notwendigkeit von Einzelsitzungen als
Standardform der Arbeit) den Möglichkeiten der
Körperarbeit nach Reich entgegenwirkt, ist eine
Auffassung, mit der man im Berufsfeld gefährlich lebt.
Das traditionelle Setting, das alte Denken in
psychotherapeutischen Kategorien und die Nachfrage nach
derart strukturierter Therapie und Supervision garantiert
die materiellen und oft genug auch die narzißtzischen
Gratifikationen der in diesem Feld Tätigen. Wer an
solchen Selbstverständlichkeiten rüttelt,
löst verständlicherweise starke Reaktionen aus. "Psychotherapy
is a rotten business" schrieb Reich an Alexander Neill und
sprach von den "falschen idealistischen und mystischen
Konzepten der Psychologie, der Psychoanalyse und anderer
Wissenschaften", die er zu überwinden hatte, um "den
Weg zu jener bläschenbildenden Energie zu finden, die
man im Dunkeln sehen kann"(47). Nach wie vor ist die Welt
für den durchschnittlichen Psychotherapeuten - als
hätte es Reich nie gegeben - eine große
Psychotherapie- oder Supervisionsgruppe, deren soziales
Geschehen man sich vorzugsweise familiendynamisch zu
erklären hat. Wilhelm Reich, der seinen Friedrich
Engels und die Dialektik der Natur und den
"Anti-Dühring" kannte, wird auch die Textstelle gelesen
haben, in der Engels den "gesunden Menschenverstand" einen
"hausbackenen Gesellen" nennt, der innerhalb seiner vier
Wände mit braver Redlichkeit zurechtkommt, den jedoch
maßloses Staunen überfällt, sobald er aus
diesen heraustritt. Ähnlich
muß Reich die Psychotherapie im Verhältnis zur
Orgontherapie vorgekommen sein: in ihren eigenen vier
Wänden kommt sie zurecht, indem sie das Lebendige
psychologisiert, und sie staunt, wohin man mit ein paar
tiefen Atemzügen kommen kann. Daß
es oft nicht beim Staunen bleibt, sondern in Angst,
Haß und Verfolgung umschlägt, mußte Reich
bekanntlich am eigenen Leibe erfahren, und seine
ärgsten Feinde kamen aus den Reihen der
Psychotherapeuten bzw. Psychoanalytiker. Neben
solchen auch heute noch in gleicher Schärfe
üblichen interdisziplinären Reaktionen gibt es
mildere Formen der Unterwanderung, z.B. das Bestreben, die
Attraktivität der Körperarbeit als "frischen Wind"
für die Psychotherapie auszubeuten, ohne sich auf das
"neue Paradigma" einlassen zu wollen, um sich weiterhin in
den gesicherten Bahnen des Psychotherapie-Spiels bewegen zu
können. Dies ist eine der nervigsten Erscheinungen, mit
denen man in der Ausbildung von Körpertherapeuten zu
tun bekommt. Körpertherapie nach Reich und
traditionelle Psychotherapie sind unvereinbar, auch wenn
noch so viel von Methodenintegration die Rede
ist. Worin
besteht therapeutisches Wahrnehmen und Handeln, das dem
"neuen" Paradigma entspricht? Es handelt sich um ein
Wahrnehmen, das in erster Linie nicht analytisch-separierend
ist, sondern teilhabend-expansiv. Es handelt sich um die
Wahrnehmung des Gesamt-Energiefeldes, das man mit einer
Person oder mehreren bildet, um die Wahrnehmung der eigenen
energetischen Bewegung und der Bewegung der anderen in
diesem Feld. Solches Wahrnehmen ist untrennbar verbunden mit
dem zugehörigen emotionalen Geschehen in diesem Feld;
es ist eine fühlende emotional-sexuelle Teilhabe an den
energetischen Vorgängen. Übung in dieser Art des
fühlenden Wahrnehmens führt zu der
Gewißheit, daß man nicht nur als abgegrenzter
physischer Körper, sondern ebenso als Energiefeld
existiert, welches sich zu anderen Feldern hin ausdehnt und
mit diesen, wie mit der natürlichen Umwelt insgesamt,
energetisch kommunizieren kann.(48) Was
Charles Kelley in Anlehnung an Reich für die
Wetterkontrolle formulierte, gilt im Prinzip auch für
das energetische Miteinander in der Körperarbeit und
zeigt einmal mehr Reichs genialen Sinn für
Basisvorgänge, die Mensch und anorganische Natur
gemeinsam haben: Zwei
sich durch den Raum bewegende Orgonströme, die
voneinander angezogen werden und zu einem gemeinsamen
Zentrum konvergieren, bilden, vermöge ihrer Richtung am
Konvergenzpunkt, eine gemeinsame Ebene...(49) Oder
Originalton Reich: I
do not think in terms of psychology, genitality, psychiatry,
education, etc. I just see two orgonotic systems, energy
systems, approach, superimpose, and merge energetically. Now
this is our base of operation.(50) Der
Therapeut muß die energetischen Botschaften des
Klienten sowie dessen Ausdrucksbewegungen und den
Bewegungsausdruck verstehen können. Er lernt dies nur,
wenn er bereit ist, sich energetisch mit den Klienten zu
verbinden, statt sich therapeutisch abzugrenzen. Die
energetische Intimität, das gefühlte
In-Verbindung-Sein, ist die Grundlage der
körpertherapeutischen Arbeit und muß immer wieder
scharf unterschieden werden von sentimentaler
Schein-Verbindung. Energetisch verbinden kann man sich
dauerhaft nur mit Zuneigung und Interesse, es funktioniert
nicht als Technik. Daher muß der Therapeut in sich
selbst und in jedem Klienten hinter der
äußerlichen Symptomatik das Stück lebendige
Natur ausfindig machen, das jeden Menschen so attraktiv und
liebenswert macht wie ein Neugeborenes. Nur von dort her
kann man arbeiten. Nur wenn die Berührung des
Therapeuten, ob körperlich oder energetisch, in dieser
naturhaften Zuneigung gründet, wird sie zur heilenden
Berührung. Die
Wahrnehmung des interpersonellen Abgetrenntseins ist die
(meistens unangenehme) Wahrnehmung der Ausnahme. Beim
"alten" Paradigma ist es umgekehrt: im Vordergrund steht das
Analytisch-Separierte und -Separierende, der gefühlte
energetische Kontakt ist die Ausnahme. Ist
der Therapeut in der Lage, sich mit dem Klienten in der
beschriebenen Weise zu verbinden, ist es seine Aufgabe, dem
Klienten zu einer tieferen energetisch-emotionalen
Präsenz und Besetzung im Organismus zu verhelfen, einen
tieferen Bezugspunkt im Körper finden. Er muß den
Klienten dazu - je nach Erforderlichkeit - herausfordern,
ermutigen, einladen oder provozieren. Eine solche
Re-Energetisierung geht üblicherweise mit starken
pulsatorischen Strömungsempfindungen und
Glücksgefühlen einher, die oft als neuartig und
überwältigend erlebt werden. Neben allem
"technischen" Know-How ist das entscheidende therapeutische
Instrument hierbei die bio-energetische Verfassung und
Präsenz des Therapeuten, deren bewußte Handhabung
Reich Feldkontakt, orgonotischen Kontakt oder auch
vegetative Identifikation nannte. Beim
Herstellen einer tieferen energetischen Präsenz im
Organismus werden die entsprechenden Hindernisse und
Blockierungen manifest ("Panzerung"), und damit tritt -
neben der Fähigkeit, sich energetisch zu verbinden -
die zweite notwendige therapeutische Qualifikation in den
Vordergund: die Fähigkeit, auf die Panzerung in solcher
Weise einwirken zu können, daß sie sich dauerhaft
löst. Unter
welchen Bedingungen kann dauerhafte Entpanzerung
stattfinden? Dazu muß man sich ansehen, wie Panzerung
entsteht. Panzerung ist die fleischgewordene, sichtbare
Mißbildung der frühen kindlichen Liebesimpulse,
die nicht im luftleeren Raum stattgefunden hat, sondern
immer in einem emotional hochgeladenen Setting, im Kontext
einer - meistens frühen - defizitären, aber
biographisch bedeutsamen und unentrinnbaren Beziehung.
Tilmann Moser hat in seinem bekannten Zitat von den
"Hochofentemperaturen der frühen Emotionen" gesprochen.
(51) Um
die Panzerung zu lösen, oder - um bei Mosers Metapher
zu bleiben - zu schmelzen, muß man sich in den
emotionalen Hochofen begeben, Klient wie Therapeut. Die
Panzerung ist im Kontext einer emotional wichtigen Beziehung
"geschmiedet" worden, und sie kann nur in einem
ähnlichen Beziehungs-Kontext wieder "flüssig"
gemacht werden. Ähnlich, jedoch mit umgekehrtem
Vorzeichen. Der Klient muß in der Krise des
wiedererlebten Horrors, der wiedererlebten Verzweiflung und
Scham, in der Person des Therapeuten ein existentiell
wichtiges Gegenüber vorfinden, das - anders als
früher - nicht haßt, sondern liebt. Diese
grundsätzlich andere zwischenmenschliche Erfahrung
inmitten der notwendigen Krise bewirkt die Heilung,
löst die Panzerung. Dies
kann nicht geschehen, wenn dem Klienten nur eine
Projektionsfläche, eine Berufsrolle
gegenübersitzt, oder generell: wenn dem Klienten nur
eine "therapeutische" Beziehung angeboten wird. Zutreffend
formuliert es Michael Meiffert: Der
Klient braucht ein reales Gegenüber, das aufmerksam
macht auf die ängstliche Zwanghaftigkeit im
Aufrechterhalten seiner sozialen Maske. Aufmerksam macht
nicht auf Grund technischer Uberlegungen, sondern
gefühlter, schmerzvoller Trennung. Der
Klient braucht ein reales Gegenüber, das ihn begleitet
bei der Begegnung mit den Impulsen aus der zweiten Schicht
der Persönlichkeit. Ein Gegenüber im Zorn, einen
realen Anker in Angst und Verwirrung, einen
mitfühlenden Verbündeten und Zeugen in der
Auseinandersetzung mit den wieder Fleisch gewordenen
Erinnerungen an erfahrene Gewalt, Beschämung, Ignoranz
und Kälte in der Kindheit. Der
Klient braucht ein reales, bejahendes Gegenüber
für die einfachen, ungebrochenen Impulse und Emotionen
aus dem biologischen Kern der Persönlichkeit.
(52) Meiffert
kritisiert zurecht den Übertragungskult der
herkömmlichen psychotherapeutischen Lehrmeinung, die
Etablierung des therapeutischen Kontakts als Pseudokontakt,
als für die Körperarbeit verzichtbares und
hinderliches Modell: Vom
körpertherapeutischen Blickwinkel aus gesehen hat
Übertragung selbstverständlich etwas mit Panzerung
zu tun, das Vorhandensein von Panzerung ist die
Voraussetzung dafür, daß so etwas wie
Übertragung überhaupt entstehen kann. Durch die in
primärer und sekundärer Sozialisation entwickelte
Panzerung werden Impulse aus dem biologischen Kern im
Ausdruck behindert, die Qualität dieser Impulse
ändert sich beim Durchdringen der Panzerung. Ein
Liebesimpuls mag plötzlich mit Angst oder
Mißtrauen durchsetzt sein, Sehnsucht mit einem
Gefühl von Scham oder Aussichtslosigkeit, statt
heißen Zorns ist es möglich, daß nur noch
Zynismus oder Verachtung, vielleicht sogar nur ein kaltes
Lächeln zur Oberfläche durchdringt.
(...) In
einem körpertherapeutischen Ansatz ist es nun
möglich, direkt am somatischen Urgrund dieser
Phänomene anzusetzen. Es ist nicht notwendig, die
Übertragung als Hebel des therapeutischen Prozesses zu
kultivieren und zu nutzen, vielmehr ist es möglich
über die energetisch, körperliche Arbeit an der
Panzerung, den Impulsen aus dem biologischen Kern der
Persönlichkeit zum ungehinderten Ausdruck zu verhelfen
und die Übertragung aufzulösen.
(...) Anstelle
der Übertragungsdynamik wird die energetische Arbeit
als Motor der Therapie genutzt, der Kontakt zwischen
Therapeut und Klient muß nicht mehr als
Verstärker der Ubertragungsneurose instrumentalisiert
werden. Der Therapeut muß seinem Gegenüber nicht
länger als gesichtsloses Gegenüber erscheinen,
sondern darf und muß sich als Mensch auch in seiner
unvollkommenen Menschlichkeit zeigen. Auf diese Weise ist es
nicht nur möglich, die Asymmetrie in der
therapeutischen Beziehung auf ein Minimum zu reduzieren. es
wird nun auch möglich und notwendig, den Kontakt
zwischen Therapeut und Klient auf neue Weise zu nutzen.
(53) Allerdings
werden die Anforderungen an die Therapeuten und ihre
Ausbildung dadurch nicht geringer, im Gegenteil. Ein
Körpertherapeut, der sich auf Reich beruft, muß
nicht nur im Sinne des "neuen" Wahrnehmungsparadigmas
"umgelernt" haben und - meistens nach langer eigener
Therapie - der Welt mit fühlender Wahrnehmung begegnen
können, er muß auch die besondere Form der
Panzerung hinter sich gelassen haben, die durch
narzißtische Identifikation mit dem Therapeut-Sein
entsteht. Er muß wieder und wieder die
persönliche Begegnung riskieren und das Paradox leben
können, daß darin besteht, daß er in den
entscheidenden Momenten der Therapie von der Vorstellung
lassen kann, ein "Therapeut" zu sein und einen "Patienten"
vor sich zu haben. Seine notwendige Autorität muß
bio-energetisch fundiert sein und nicht konzeptionell
bedingt, nur auf Wissen und Gelehrigkeit beruhen. Erst
wenn diese Grundvoraussetzungen gegeben sind, ist ein
Therapeut in der Lage, das umfangreiche Instrumentarium der
Arbeit, die "Techniken", sinnvoll, d.h. panzerlösend
einzusetzen. Die
allgemeine Gebrauchsanleitung für das
Handwerklich-Technische in der Körpertherapie liefert
Reich mit der Beschreibung der "Viertakt-Lebensformel" und
der Beschreibung der segmentären Anordnung der
Panzerung. Praktische
Hinweise sind jedoch spärlich und über
verschiedene Schriften verstreut. Reich hat aus gutem Grund
keine konkrete Technologie der Körpertherapie entworfen
und unterscheidet sich damit deutlich von zahlreichen
Autoren in seiner Nachfolge, die mit langen Zuordnungslisten
von Symptomen und Charakterstrukturen einerseits sowie
Interventionsmöglichkeiten (z.B. "Druckpunkten") und
therapeutischen "Haltungen" andererseits die typischen
"Kochbücher" kreiert haben und damit der Versuchung
erlegen sind und der Gefahr Vorschub geleistet haben, aus
dieser lebendigen Kunst eine mechanische
Verfahrensvorschrift zu machen. Daß
Reichs Arbeit viel mit Kunst zu tun hat, wurde bisher wenig
beachtet. Wie viele große Wissenschaftler war Reich
selbst musisch gebildet und interessiert. Al Bauman
erzählt, daß er in launigen Momenten alle Fenster
in Orgonon aufriß und vehement in die Tasten seiner
Orgel griff. Beiläufig, aber nicht zufällig,
vermutet Reich in der Panzerung des Brustsegments die
bio-energetische Ursache der Unmusikalität. (54) Er
kannte sich aus in der persischen Poesie des 11.
Jahrhunderts und schrieb selbst Gedichte, von denen er
einige vertonen ließ. (55) Die
Schnittstelle zur Kunst liegt in Reichs Arbeit in der eben
schon beschriebenen "orgonotischen Wahrnehmung", die viel
gemeinsam hat mit der künstlerischen,
"rechtshemisphärischen" Wahrnehmung. Viele Bilder van
Goghs weisen verblüffende Ähnlichkeiten mit der
beobachtbaren Bewegung des eigenen Energiefeldes auf.
Große Theaterlehrer wie Stanislavski, Strasberg,
Grotowski und vor allem Michael Tschechow (56) weisen eine
deutliche Verwandtschaft zu Reich auf. Und das von Al Bauman
entwickelte und von Miriam Kaufmann (57) fortgeschriebene
"Streaming Theatre" ist weit mehr als "nur" eine kongeniale
Ergänzung der Vegetotherapie und kann transformierende,
charakterologische Veränderungen bewirken.
Schließlich sei erwähnt, daß
Körperarbeit nach Reich schon immer von Musikern,
Schauspielern, Malern und anderen "Kreativen" als Therapie
und Fortbildung gesucht wurde. Künstlerische
Wahrnehmung ist in erster Linie nicht
analytisch-beobachtend, sondern erlebend, meditativ, in
Verbundenheit mit ihrem Gegenstand. Elisabeth Haich
beschreibt eine Meditationsübung (58), bei welcher die
Novizen solange einen Baum meditieren mußten, bis sie
sich in ihrem Bewußtsein nicht mehr vom Baum
unterscheiden konnten und absichtlich zwischen beiden
Zuständen hin- und herpendeln konnten. Ähnlich
muß die Basisqualifikation des Körpertherapeuten
sein. Wenn er zu Anfang lernt, den Klienten zu meditieren,
statt nur zu beobachten, ist er gefeit gegen bestimmte
typische Mißverständnisse, durch die Reichs
lebendige Körperarbeit schnell auf ein totes Gleis
gebracht werden kann, als da wären: a)
die mechanische Anwendung der "Lebensformel" im Sinne einer
Auf- und Entladungs-Gymnastik. Entladung um jeden Preis war
die typische Kinderkrankheit der "Reichianischen
Körperarbeit" und wurde das Credo vieler
Körpertherapeuten. Der Ausdruck zurückgehaltener
Emotionen bzw. die Entladung akkumulierter pathogener
Energiebeträge, ist in weiten Bereichen der Therapie
sinnvoll und not-wendig. Es gibt aber auch Klienten, bei
denen die therapeutische Forderung nach Ausdruck und
"Entladung" schädlich ist. Z.B. leiden die in der
klassisch-psychotherapeutischen Terminologie als "oral
gestört" Bezeichneten unter der Grundschwierigkeit,
daß sie keine Ladung aufbauen bzw. halten können.
Sie sind zur Peripherie hin schwach. Das zugehörige
psychologische Korrelat: sie jammern, klagen, resignieren.
Energetisch betrachtet: sie "laufen aus". Solche Klienten
müssen meistens mühsam und langsam lernen, Ladung
zu halten und sich damit wohl zu fühlen. Hier gibt es
nichts zu entladen; die Arbeit besteht im Gegenteil lange
Zeit darin, solchen Menschen zu helfen, Strukturen, ja sogar
"Panzerung" aufzubauen. Man
kann aus Reichs "Lebensformel" einen weiteren "Viertakt"
herleiten, der mit verschiedenen Bewegungs- und
Zustandsarten der Energie im Organismus zu tun hat: 1.
Erzeugung von Ladung, 2. Halten (und in Umlauf bringen) von
Ladung, 3. Form und Ausdruck finden, 4. in Beziehung zur
Welt treten. Wir
alle sind in der einen oder anderen Weise, mehr oder
weniger, defizitär. Die einen haben keine Mühe,
Ladung zu generieren, sind aber im Ausdruck gehemmt oder
behindert. Andere sind partiell hochgeladen und partiell
anorgonisch, ohne diffundierende innerorganismische
Energiebewegungen. Wieder andere haben entwickelte
Kontaktfunktionen, sind aber energie- und kraftlos damit,
usw. Entladung
als generelles therapeutisches Ziel ist, wenn
überhaupt, nur dann angemessen, wenn hochgeladene
Ausdruckstendenzen blockiert sind. b)
die mechanische Arbeit mit den Segmenten. Mit der
Formulierung des Konzepts "Panzerung" und der Entdeckung
ihrer segmentären Anordnung hat Reich einen
bio-energetischen, naturgesetzlichen Bezugsrahmen
geschaffen, in dem sich die ganze körpertherapeutische
Kunst entfalten kann. Allerding
muß man sich hüten, Reichs Vorgabe zu
wörtlich zu nehmen. Eine einfache Gebrauchsanleitung
kann es nicht geben: die Panzerung wandert, trickst, ist ein
gerissener Gegner, der mit Klauen und Zähnen ums
Überleben kämpft und nie wirklich kooperiert. Die
Lösung der Segmente kann man selten in der logischen
und gesetzmäßigen Reihenfolge beobachten oder
erleben, in der man sie in der "Charakteranalyse"
beschrieben findet; diese läßt sich oft erst am
Ende eines langen Prozesses erkennen und
zurückverfolgen. Im gleichen Maße, wie der
Therapeut energetische Intimität mit dem "Kern" des
Klienten herstellen muß, muß er Distanz halten
können zum Verwirrspiel der phänomenologischen
Symptomatik. Reichs Entdeckung der segmentären
Anordnung der Panzerung und der gesetzmäßigen
Abfolge ihrer Auflösung gibt nichts her für ein
Kochbuch. Wenn man an der Lösung eines Segments
arbeitet, hat man immer mit allen Segmenten, dem gesamten
Organismus, dem ganzen Menschen zu tun. Man
beginnt z.B. oft mit den Augen, das ist (meistens)
verläßlicher Standard, und findet sich
plötzlich im Kreuzbein, in den Adduktoren, in der
Halswirbelsäule - werweißwo - wieder, und hat
gleichzeitig mit der zugehörigen psychischen Dynamik zu
tun. Trotzdem geht es immer noch um das Augensegment als
Bezugsrahmen, zu dem man wieder und wieder zurückkehrt.
Die Reduktion eines Stücks Panzerung in einem Segment
ist immer verbunden mit einer Rundreise durch den ganzen
Körper und einem Sich-Hindurchbewegen durch die ganze
Biographie, die gesamte frozen history. Im Verlauf einer
geglückten Therapie hat man sich auf diese Weise viele
Male durch sämtliche Segmente bewegt, oft in
unvorhersehbarer Weise, hin und her, kreuz und quer, durch
Verzweiflung und Langeweile, Euphorie und Mordlust, Gier und
Skepsis, Arroganz und Scham, und hat trotzdem "Spur
gehalten", ist vom Kopf ins Becken gekommen. Dies erfordert
einen langen therapeutischen Atem und vor allem
persönliche Erfahrung mit dem whole thing. Körperarbeit
nach Reich stellt hohe Anforderungen an die Therapeuten, in
fachlicher und persönlicher Hinsicht. Sie taugt nicht
für Trainees, die sich nur beruflich "fortbilden"
wollen. Der Prozeß der Ausbildung stellt immer wieder
die gesamte Charakterstruktur infrage und ist nichts
für Sicherheitsstrategen, die mit gestaffelter Deckung
eine Methode erlernen und Therapeut spielen
wollen. Die
Arbeit führt oft zu ungekannten, ekstatischen
körperlichen Erfahrungen, aber sie erschüttert
auch in schmerzlicher und subjektiv bedrohlicher Weise jede
Lebenslüge, jeden neurotischen Kompromiß, in dem
man sich eingerichtet hat. Berufsspezifisches Expertentum
ist nicht gefragt; einschlägige akademische Vorbildung
z.B. ist keine notwendige Voraussetzung und oft sogar
hinderlich. Die Arbeit kann von jedem ausgeübt werden,
der sich ernsthaft dafür interessiert, ein Gespür
für die energetisch-emotionalen Vorgänge inner-
und außerhalb des Organismus hat und andere Menschen
gerne berührt. Die Basisinterventionen sind einfache,
zwischenmenschliche Handlungen wie Anschauen, Berühren,
Halten. "The privileg to sit down with somebody", wie es
Michael Smith formulierte, ist nicht das Privileg
behandlungstechnischer Spezialisten. Reichs
Körperarbeit, so einfach wie sie im Grunde ist, ist ein
großes Geschenk und Vermächtnis an
alle. Was
tun mit Reichs Vorgabe? Verführerisch ist der Weg in
die Sackgasse: "Reichianer" zu werden, ist in der ersten
Zeit der inspirierten Rezeption der naheliegende, aber
langfristig unkreative mentale Reflex. Das "wachsende Ende"
jeder etablierten Richtung sind immer nur die konkreten,
lebendigen Menschen, die das Vorgefundene mit dem Aspekt
ihrer Person verbinden, den Reich als "dritte Schicht"
beschrieb. Nur so kann verhindert werden, daß "wahre
Lehren" entstehen, um die sich die entsprechenden Charaktere
gruppieren. Nach
Reichs Tod haben sich - wie immer seit Adam und Eva - die
typischen Nachfolgestrukturen herausgebildet: die Orthodoxen
belächeln die Spontis, die Intuitiven sehen auf die
Wissenschaftlichen herab, die Fundamentalisten haben ihre
Realos und umgekehrt, und die Integrativen rühren alles
zu einem faden Brei. Und so weiter und so fort. Dieses
übliche, alberne und unvermeidliche Hick-Hack
demonstriert das Phänomen, das Reich im Ansatz
beschrieben hat, aber ebensowenig transzendieren konnte, wie
man sich selbst am Schopf aus dem Morast ziehen kann:
Panzerung. Mit
der Entdeckung der Orgonenergie und der Beschreibung der
Struktur der Panzerung hat Reich zwei landmarks
eingeschlagen, die noch vielen Generationen - nicht nur in
der Körperarbeit - den Weg weisen werden. Reichs
geniales und sehr weit gefaßtes Konzept "Panzerung"
hat jedoch einen entscheidenden Schwachpunkt: die
Herkunftsfrage, die Reich selbst, wie eingangs bemerkt,
offen lassen mußte. Reich
sieht das Neugeborene ausschließlich als tabula rasa,
als unschuldiges Bündel kosmischer Lebensenergie, das
sich nach und nach panzern muß, um überleben zu
können. Reich
schleppt hier Freudschen Ballast mit. Freuds Sichtweise des
Ich-Konflikts zwischen Triebansprüchen und
gesellschaftlich-normativen Forderungen war zu seiner Zeit
erhellend und innovativ, kann für uns heute aber nicht
mehr das universelle Denkmodell der Pathogenese sein und hat
einen stark eingeschränkten Gültigkeitsbereich.
Neugeborene sind nur an der Oberfläche charakterlich
unbeschriebene Blätter; sie bringen eine Menge mit -
sich selbst, die Tiefenpersönlichkeit, die sich durch
die Inkarnationen hindurch erhält und wandelt. Wir
haben keinen Grund, an diesen karmischen Zusammenhängen
zu zweifeln. Die
Praxis der auf Reich beruhenden Körperarbeit führt
notwendigerweise dahin, daß unsere herkömmlichen
Auffassungen von der individuellen menschlichen Existenz als
separierter Einheit in Frage gestellt werden. Sobald die
identitätsbestimmenden Blockierungen der Persona der
gegenwärtigen lifetime aufgeweicht sind, eröffnen
sich Arbeitsfelder für die Körper- und
Energie-Arbeit, die über Reich hinausweisen und
über die beizeiten an anderer Stelle ausführlicher
zu reden sein wird. Ebenso
weist der Begriff "Panzerung" über seinen Schöpfer
hinaus. Avatara Adi Da spricht von der self-contraction und
dem vital shock an ihrem Ursprung: das unendliche
Bewußtsein wird sich im Prozeß der Formbildung
seiner endlichen Form bewußt, die es angenommen
hat.(59) Am
Ende ist Reich - der ausgezogen war, die Psychoanalyse zu
untermauern - bei der Erforschung der Wüstenbildung
angekommen. Er stellt einen frappierenden Zusammenhang her
zwischen der äußeren Wüste und der inneren,
emotionalen Wüste im Menschen: Wüsten
beruhen auf natürlichen Funktionen, die eine
Austrocknung der Atmosphäre und des Bodens bewirken,
das heißt Leben vernichten. Der Mensch wäre
jedoch in der Lage gewesen, die Wüste zu besiegen und
der Wüstenbildung Einhalt zu gebieten, hätte er
nicht selbst einen seine emotionale Struktur prägenden
Prozeß durchgemacht, den wir als "EMOTIONALE
WÜSTE" bezeichnen werden. Der Mensch selbst ist
dafür verantwortlich, ob die Wüste sich ausbreitet
oder ob sie aufgehalten wird. Der Mensch verfügt heute
über die wissenschaftlichen und auch über die
technischen Mittel, um die Wüstenbildung zu
bekämpfen, ja sogar um existierende Wüsten wieder
in üppiges Grünland für Mensch und Tiere zu
verwandeln... Die
Entstehung äußerer Wüsten korrsdpondiert mit
der emotionalen "Verwüstung" unserer Kinder vor und
nach ihrer Geburt, das war schon immer so und reicht weit
hinter die überlieferte Geschichte der Menschheit
zurück. Sowohl die äußere als auch die
innere Wüste resultieren aus einem Prozeß des
Schrumpfens und Absterbens der "Vitalität", das
heißt der Immobilisierung biologischer Energie.
(60) Solche
Belege für den stringenten inneren Zusammenhang, der
Reichs Gesamtwerk ebenso prägt wie sein
unermüdliches leidenschaftliches Eintreten für die
Umwandlung der inneren Wüste in "üppiges
Grünland", sind die stärksten Argumente, mit denen
man der Diskreditierung des angeblich verrückten Reich
entgegentreten kann. Reichs
Werk, das sich über so viele wissenschaftliche
Disziplinen ausdehnt und so viele verschiedenste große
Themen anpackt, zielt doch immer nur auf die eine Vision ab:
daß wir zu einem anderen Umgang miteinander fähig
werden als zu dem, der aus der "Panzerung"
entspringt. Mit
solcher kompromißlosen Auffassung von Freundschaft und
Liebe stand Reich nicht immer allein da. Alexander S. Neill,
einer der wenigen Freunde Reichs und über den Verdacht
erhaben, ein "Follower" zu sein, gibt 1956 in einem Brief an
Reich ein beeindruckendes Beispiel: vor die Wahl gestellt,
sich angesichts der im Magazin Core abgedruckten Ufo-Thesen
Reichs für die herkömmliche Denkweise (das alte
Paradigma) oder die Beziehung zu Reich zu entscheiden,
entscheidet er sich für letztere: Wenn
ich nie von Reich gehört und Core als erstes von ihm
gelesen hätte, dann wäre ich zu dem Schluß
gekommen, daß der Autor entweder meschugge sei oder
aber der größte Entdecker seit Jahrhunderten. Da
ich weiß, daß Du nicht meschugge bist, muß
ich die andere Möglichkeit gelten lassen.
(61) Das
gegenwärtig stark anwachsende öffentliche
Interesse an Reich ist vor allem ein Interesse am
technisch-apparativen Aspekt seines Werkes
(Orgon-Akkumulator, Cloud-Buster, Medical DOR-Buster). Dies
soll uns nicht davon ablenken, daß wir beim jungen wie
beim alten Reich hinter seiner gigantischen Forschung immer
nur die einfache Frage finden, wie menschliche Beziehungen
im Einklang mit ihrer tiefsten bio-energetischen Natur
gelebt werden können. Reich
hat uns gelehrt, einen Blick in diese Tiefe zu werfen und
hat uns die ersten Schritte hinuntergeführt - tief
genug, um zu erkennen, daß hinter all den Schrecken
und Gefahren des Weges eine Wahrheit verborgen ist, die es
lohnt, unterwegs zu bleiben. Anmerkungen (1) Wilhelm
Reich Cosmic Superimposition, Farrar, Straus and Giroux, New
York, 1979 Why was man
the only animal species to develop an armor?" (S. 287) Und
weiter: Still, the question of how the human animal as the
only animal, alone among the animal species, became armored
remains with us, unsolved, overshadowing every theoretical
and practical step in education, medicine, sociology,
natural science, etc. No attempt is made here to solve this
problem. It is too involved. The concrete facts which
possibly could provide an answer are buried in a much too
distant past; reconstruction of this past is no longer
possible. (S. 289) (2) Wilhelm
Reich, Äther, Gott und Teufel, Nexus Verlag,
Frankfurt/Main, 2. Auflage, 1984, S. 128 (3) zitiert
nach: Mann & Hoffman (7) (4) W.Y.
Evans-Wentz Das Tibetanische Totenbuch, Walter Verlag,
Olten,1982 (5) Da Free
John Easy Death, The Dawn Horse Press, Clearlake, 2.
Auflage, 1991, (6) Wilhelm
Reich Man's Roots in Nature, in: Orgonomic Functionalism,
Vol. 2, The Wilhelm Reich Museum, Rangeley/Maine,
1990 (7) W.Edward
Mann & Edward Hoffman Wilhelm Reich, The Man Who Dreamed
of Tomorrow, Crucible, Wellingborough, 1990 (8) Wilhelm
Reich Christusmord, Ullstein, Frankfurt/Main 1983 (9) Ola
Raknes Life and Religion, in: David Boadella (Hrsg.): In the
Wake of Reich, Coventure, Boston, 1991 (10)
Theodore P. Wolfe Emotional Plague Versus Orgone Biophysics,
1948, zitiert nach: De Meo, s. (16) (11)
Jürgen Fischer Lebensenergie aus der Atmosphäre,
Worpswede, 1996 (12) James
Steinberg Divine Distraction, The Dawn Horse Press,
Clearlake, 1991 (12a) Da
Avabhasa The Knee of Listening. The Dawn Horse Press,
Clearlake, 1992 (13) Da Free
John The Adept, Selections from Talks and Essays on the
Nature and Function of the Enlightened Teacher, The Dawn
Horse Press, Clearlake, 1984 (14) Wilhelm
Reich Alone, (audio tape), The Wilhelm Reich Museum,
Rangeley/Maine, 1995 (15) Albert
Einstein Worte in Zeit und Raum, Herder, Freiburg, 1991, S.
73f. (16)
Daß Galilei und Reich nur prominente Beispiele einer
bis heute fortlaufenden Geschichte der Unterdrückung
unliebsamer Wissenschaft sind, belegt James DeMeo in seinem
Buch Der Orgonakkumulator. Ein Handbuch, Zweitausendeins,
Frankfurt am Main, 1994 (17) Ilse
Ollendorf Wilhelm Reich, Peter Reich Der Traumvater, Myron
Sharaf Der heilige Zorn des Lebendigen, Alexander
Neill-Wilhelm Reich Zeugnisse einer Freundschaft, Ola Raknes
Wilhelm Reich und die Orgonomie, Alexander Lowen
Bio-Energetik (18) Wilhelm
Reich Charakteranalyse, Kiepenheuer und Witsch, Köln,
1989, S. 482: Der
Orgasmusreflex ist mit samt seinem Gebärdenausdruck der
Hingabe, wie's sich bald zeigen wird, der Schlüssel zum
Verständnis von fundamentalen Naturprozessen, die weit
über das Individuum und sogar über das Lebendige
hinausführen. (19) Wilhelm
Reich Die Funktion des Orgasmus, Fischer, Frankfurt/Main,
1985, S. 13 (20) Wilhelm
Reich Die Funktion des Orgasmus, S. 13 (21) Wilhelm
Reich Die Funktion des Orgasmus, S. 78 (22) Wilhelm
Reich über Sigmund Freud (Deutsche Übersetzung von
Reich Speaks of Freud), Raubdruck, o.J. (23) Wilhelm
Reich Leidenschaft der Jugend, Kiepenheuer & Witsch,
Köln, 1994, S. 87f. (24) Wilhelm
Reich The Silent Observer, in: Orgonomic Functionalism, Vol.
1, 1990 (25) Myron
Sharaf Wilhelm Reich. Der heilige Zorn des Lebendigen, Simon
und Leutner, Berlin, 1994, S. 197 (26) Wilhelm
Reich über Sigmund Freud, S. 77, und weiter: Wenn ich vom
Standpunkt der späteren Entwicklung es von Elend und
Unglück für mich selbst und meine Lieben
betrachte, wünschte ich, ich hätte nie versucht,
die sozialistische Bewegung fortschrittlicher zu gestalten.
Nichts verschaffte mir tödlichere Feinde, nie war mein
Leben, meine Freiheit, mein Glück stärker bedroht
als durch diese Bewegung, die von Befreiern geführt
wurde, die die Gesetze der verantwortlichen Freiheit nicht
kannten. (27) Wilhelm
Reich The Developmental History of Orgonomic Functionalism,
in: Orgonomic Functionalism, Vol. 1, The Wilhelm Reich
Museum, Rangeley/Maine, 1990, S. 9, und vorher: Ideas may
come and go. Their existence depends on the state of motion
of the body's energy... Functionalism,
which later led to the discovery of the cosmic orgone
energy,(...)concentrated its attention on the depencdency of
psychic contents - ideas, conflicts, experiences, etc. - on
the energy state of the organism. Excessive mother fixation
in a child, for example, now appeared as an expression of
"pent-up drive" or "energy stasis" i.e. it corresponded to a
disturbance in the release of energy by the organism. This
theory was confirmed clinically inasmuch as the conflict was
resolved when the capacity for the orderly discharge of
energy was restored. A genitally pent-up child clings orally
to the mother. A genitally gratified child does not cling to
the mother but has playmates of its own age... In order to
clarify this contrast between simplicity at the deep
biological level and complexity at the superficial psychic
level, one need only think of the infinite abundance and
variations of psychotic and neurotic experiences. However,
this profusion of experiences is based on one energy-related
fact, namely, the stasis of sexual-biological
energy. (28) Wilhelm
Reich The Developmental History of Orgonomic Functionalism,
S. 4 (29) Wilhelm
Reich The Developmental History of Orgonomic Functionalism,
S. 3 f. (30)
Elsworth Baker Der Mensch in der Falle, Kösel,
München, 1980, S. 44 (31) Wilhelm
Reich Charakteranalyse, S. 485f. (32) Wilhelm
Reich Die Massenpsychologie des Faschismus, Kiepenheuer und
Witsch, Köln, 1986, S. 11 f. Und an
anderer Stelle: ...Ich
weiß nicht, ob Sie mit dem orgonomischen Bild der
Struktur des menschlichen Charakters vertraut sind - dem
"Kern", der "mittleren Schicht" und der
"Peripherie". Das
verschafft einem ein sehr praktisches Werkzeug für die
Arbeit mit Patienten. Es ist ein bio-energetisches Werkzeug.
Man kann den menschlichen Charakter nicht mit
psychoanalytischen Mitteln erfassen. Man muß die
Charakteranalyse und die Orgontherapie anwenden. Menschliche
Wesen leben äußerlich emotional, in ihrer
äußeren Erscheinung. Richtig? Um zum Zentrum zu
gelangen, wo das Natürliche, das Gesunde liegt,
muß man die mittlere Schicht durchdringen. Und in
dieser mittleren Schicht ist Schrecken, nicht nur
das&emdash;auch Mord. Alles das, was Freud unter dem Begriff
des Todestriebes zusammenzufassen versuchte, findet man in
dieser mittleren Schicht. Er glaubte, das sei biologisch
bedingt. Aber das stimmt nicht. Es ist ein künstliches
Produkt der Kultur. Es ist eine strukturelle
Bösartigkeit des menschlichen Wesens. Deshalb muß
man durch die Hölle gehen. bevor man das erreicht, was
Freud Eros nannte, und was ich orgonotische Strömung
oder plasmatische Erregung nenne (die grundlegende
Plasmaaktion des bioenergetischen Systems). Durch die
Hölle muß man! Das gilt sowohl für den Arzt
als auch für den Patienten. In dieser Hölle ist
Verwirrung, schizophrener Zusammenbruch, melancholische
Depression. All das. Ich habe es in "Charakteranalyse"
beschrieben. Ich brauche es hier nicht zu wiederholen. Aber
warum sprechen wir überhaupt von der Lebenskraft? Es
gibt nur einen Grund: um Ihnen zu zeigen, warum niemand sich
daranwagte oder versuchte, das biologische Zentrum zu
erreichen, womit ich mich derzeit beschäftigte. Bevor
man dieses Zentrum erreichen kann, muß man sich mit
Haß, Schrecken und Mord konfrontieren. Alle diese
Kriege, all das Chaos jetzt&emdash;wissen Sie, was das
für mich ist? Die Menschheit versucht, ihr Zentrum
wiederzugewinnen, ihr lebendiges, gesundes Zentrum. Aber
bevor es erreicht werden kann, muß die Menschheit
diese Phase des Mordes, des Torschlags und der
Zerstörung überwinden. Das, was Freud den
Destruktionstrieb nannte, findet man in der mittleren
Schicht. Ein Stier ist verrückt und
zerstörungswütig, wenn er frustriert wird. Mit den
Menschen ist es genauso. Das heißt, bevor man zu den
wahren Dingen gelangt&emdash;Liebe, Leben,
Rationalität&emdash;muß die Hölle
durchschritten werden. Das ist von großer Tragweite
für die gesellschaftliche Entwicklung. Ich möchte
jetzt nicht näher darauf eingehen, aber ich wollte
erklären, warum die Psychoanalytiker
sich&emdash;unbewußt&emdash; weigerten, sich mit
meiner Arbeit auseinanderzusetzen. Wenn ich die Konsequenzen
voll erkannt hätte, hatte ich selbst die Finger davon
gelassen. Ich will nicht überheblich sein, verstehen
Sie. Damals hätte ich die Finger davon gelassen. Heute
kann ich das nicht mehr. Die Brücken hinter mir habe
ich abgebrochen. Wenn ich zurückschaue, begreife ich
es. Es ist sehr gefährlich.(32a) (32a)
Wilhelm Reich über Sigmund Freud S.72f. (33) Wilhelm
Reich, Äther, Gott und Teufel, S. 59f. (34) Wilhelm
Reich Charakteranalyse, S. 330f. (35) William
Blake The Marriage of Heaven and Hell, o.J. (36) siehe
(22) (37) z.B.
Alice Bunker Stockham Karezza; John Humphrey Noyes Male
Continence. (38) Da Free
John Love of the Two-Armed Form, The Dawn Horse Press,
Clearlake, 1985, S. 240, dort auch: Sexuality
has long been used as a traditional means of achieving
salvation, most prominently in the Chinese Taoist and Indian
Tantric schools. The Taoist sexual tradition flourished in
the beginning of the Christian era. Taoist masters had a
positive orientarion to sexuality, not primarily for the
sake of pleasure, but as a device for achieving health and
immortality. They believed that the vital essence is stored
in the sex organs of the male and female (the opposite poles
of energy in Nature). The male sought ro acquire the energy
of the female through her orgasm during intercourse, and,
through the prevention of his own ejaculation, the vital
essence was thought to be transmuted into an alchemical
substance that eventually moved up the spine to the brain.
This process was intended to imbue the brain with Eternal
Life Energy and to endow the practitioner with extended life
and increased vitality. Ultimately, Taoists believed that
this process enabled them at death to assume an astral or
light body and therefore to live as an immortal in the
astral worlds. (Some women
learned this process and thus worked to prevent their own
orgasm while absorbing the male energy, but, in general, the
practice was learned by men, who did not instruct their
female partners, but, on the contrary, encouraged their
orgasm, in order to acquire their energy. ) The Indian
Tantric tradition of sexuality began much later, probably
around 600-700 A.D. in northeast India, according to the
most informed speculations and probably under the influence
of Taoist ideas. The almost invariably male Tantric yogis
like the Taoists who influenced them, transformed the sexual
act by manipulating the orgasm, so that the semen was
retained and supposedly sent upward along the spinal line to
the brain. There was a wide range of approaches within the
Tantric tradition, and some of them sought bodily
immortality and held a philosophical point of view similar
to that of the Taoist practitioners. Most of the Hindu
Tantrics, however, unlike the Taoists, had an essentially
negative orientation to sexuality and bodily existence
altogether. This was perhaps due to the ascetic influence of
Buddhism. The more ascetic purpose of Tantric yoga was to
use the energy of the sexual act to intensify the inversion
and upward-turning of attention in order to realize subtle
conditions that transcend this gross world. Such yogis did
not seek to immortalize the body, but to transcend it by
attaining a higher, subjective, inward condition that they
presumed to be the Divine Plane or God-World. Later
developments of most schools of Tantric practice extended
this asceric approach toward achievement of the complete
internalization of the sexual process through the techniques
of yoga and meditation. In the later schools, literal sexual
practice was abandoned, and practitioners sought to
internalize the yogic process completely through physical
and meditative techniques (The schools of hatha yoga and
kundalini yoga are, among others, the modern and ascetic
evidence of the more ancient and body-positive Tantric
tradition.) (39) Siehe
z.B. die Beiträge von Alexander Lowen und Tage
Philipson in: David Boadella In the Wake of Reich, siehe
(9) (40)
Frederico Navarro Die sieben Stufen der Gesundheit. Eine
psychosomatische Sicht der Krankheit, Bd. 2, Nexus,
Frankfurt am Main, 1988, S. 86: Der Orgasmus
darf nicht auf Lust reduziert werden, sondern eher auf
Freude im umfassenden, vollen Sinn dieses Wortes...
(40a)
Alexander Lowen Reich, sex and orgasm in: David Boadella
(Hrsg.) In the Wake of Reich, siehe (9) (41) Loil
Neidhöfer Genitalität und genitale Angst, SKAN
READER 3/95 (42) Wilhelm
Reich Orop Wüste, Zweitausendeins, Frankfurt a.M.,
1995 (43) Arnim
Bechmann Über Wilhelm Reichs Orop Wüste,
Zweitausendeins, Frankfurt a.M.,1995, S. 32f. (44) Arnim
Bechmann Über Wilhelm Reichs Orop Wüste, S.
54f. (45) Wilhelm
Reich Äther, Gott und Teufel, S. 65 (46) Arnim
Bechmann Über Wilhelm Reichs Orop Wüste,
Zweitausendeins, S. 34f. (47)
Zeugnisse einer Freundschaft. Der Briefwechsel zwischen
Wilhelm Reich und A.S. Neill 1936-1957, Kiepenheuer und
Witsch, Köln 1986, S. 278 (48) siehe
auch: Da Free John Look at the Sunlight on the Water, The
Dawn Horse Press, Clearlake, 1987, S. 28f. (49) Charles
R. Kelley Eine neue Methode der Wetterkontrolle, Plejaden,
Berlin, 1985 (50) Wilhelm
Reich Man's Roots in Nature in: Orgonomic Functionalism,
Vol. 2, 1990, S. 51 (51) Tilmann
Moser (Bericht vom 1. Europäischen Kongreß
für Körper-Psychotherapie - ca. 1989 - in der FAZ
; dem Verfasser abhanden gekommen/ Manuskript
erhältlich über die Feuilleton-Redaktion der
FAZ) (52) Michael
Meiffert Übertragung-Gegen-Übertragung, Gedanken
zur therapeutischen Beziehung, in: Energie & Charakter,
12/95, S. 104f. (53) Michael
Meiffert Übertragung-Gegen-Übertragung, Gedanken
zur therapeutischen Beziehung, S. 104 (54) Wilhelm
Reich Die Ausdruckssprache des Lebendigen, in (10), S.
470ff. (55)
Video-Interview mit Al Bauman, unveröffentl.,
1989 (56) Michael
Tschechow Werkgeheimnisse der Schauspielkunst, Werner
Classen Verlag, Zürich und Stuttgart, 1988, und:
Michael Chekhov Lessons for the Professional Actor,
Performing Arts Journal Publications, New York,
1992 (57) Auch
ein steifer Charakter muß mal die U-Bahn kriegen,
Miriam Kaufmann im Gespräch mit Michaela Simon, SKAN
READER 2/94 (58)
Elisabeth Haich Einweihung, Drei-Eichen-Verlag, Engelberg +
München, 1982 (59)
Franklin Jones (Avatara Adi Da): The Method of the Siddhas.
Talks with Franklin Jones on the spiritual technique of the
Saviors of mankind , The Dawn Horse Press, Los Angeles,
1973 (60) Wilhelm
Reich Orop Wüste, S. 13f (61)
Zeugnisse einer Freundschaft. Der Briefwechsel zwischen
Wilhelm Reich und A.S. Neill 1936-1957.
Wilhelm Reich, der Mann des Jahrhunderts