Les Marronniers,
Aix-en-Provence


Hommage

 

1994, vor sieben Jahren, gab's schon mal eine Aix-Hommage im SkanReader. Seitdem hat sich nicht viel, aber alles verändert. Aix ist immer noch der Ort, wo Skan die höchsten Betriebstemperaturen erreicht, und das nicht nur wegen Südfrankreich im Sommer. Wenn Skan heute auf ein paar Schultern mehr als früher ruht, dann hat das auch mit Aix zu tun, wo „es" immer noch „passiert", wo die Sehnsucht plötzlich größer ist als die Angst und Skan in seiner ursprünglichen indianischen Wortbedeutung erfahrbar wird als „das, was sich bewegt". Auf den folgenden Seiten: Reminiszenzen von Veteranen und Novizen.

(Es folgen Auszüge aus "Les Marronniers, Aix-en-Provence - Hommage". Die vollständigen Berichte können im SkanReader 8/2001 nachgelesen werden.)

 

 

Christian Guth

Was damals war, ist für mich zu einem zeitlosen Heute geworden. Damals, das war an jenem heißen Julinachmittag in der „Werkstatt" von Les Marronniers. Mehr schwebend als liegend befand ich mich auf der sogenannten Matte, in einem Zustand, an den sich mein Körper bis heute erinnert. Es war ganz still, ich fühlte zutiefst die Verbundenheit mit allem um mich herum, den Menschen, der Luft, dem Raum, den Bäumen vor dem Fenster, so, als wäre ich für einen Moment meines Lebens nicht mehr ab-getrennt. Als ich später dann aufstand und hinaustrat unter die Bäume auf den Rasen, war es bereits schattig und kühl. Gegenüber saßen an einer langen Holztafel etwa zwanzig lachende, bunte, essende Menschen. Ich stand eine Weile und überlegte, ob das, was ich eben erlebte, mit Wirklichkeit zu tun hatte. Das Haus war gelber, der Rasen grüner, der Himmel blauer, diese Welt leuchtete, und ich in ihr, so schien es mir. Ich wusste, dass ich an einem Ort war, der für mein Leben große Bedeutung hatte. Selbst die scharfe Stimme der Dame des Hauses, Cyclone, „are you allright Christian, don't you have dinner?" passte irgendwie dazu und ich war überzeugt, dass eben ein Göttermahl für mich bereitet worden war. Ich ging hinüber voll Freude über mich und die anderen und es gab nichts an jenem Abend, wonach ich mich gesehnt hätte...


aus: Eimer im Schacht, Skan-Theater-Workshop 1999

...Ich trage einen alten Militärmantel, eine Gummiglatze, das Gesicht mit Ruß beschmiert. Neben Walter stehe ich im gemähten Kornfeld hinter dem Theater. Er wahnsinnig geworden, ich verzweifle am Leben. Noch eine Stunde bis zum Auftritt an diesem letzten Freitagnachmittag. Wir proben das Stück, das für den Moment unser Leben geworden ist. W: „Magst du das Land?" I: „Ja, manchmal mag ich das Land. Wenn es frisch gepflügt ist und wenn Krähen hinter dem Pflug herfliegen...". Stunden später werden wir feiern, zufrieden, stolz, vielleicht sogar glücklich bis in den Morgen.

Was passiert denn wirklich in Les Marronniers?, könnte man fragen. Diese Frage ist möglicherweise von akademischem Wert, intellektuell jedoch kaum zu beantworten. Sie entspringt nämlich genau dem Phänomen, an dem in Aix unermüdlich gearbeitet wird: der bio-energetischen Panzerung. Den Antworten kann man sich nur öffnen, hingeben, man kann sie nicht suchen.

 

aus: The Martin Hirt Show, Skan-Theater-Workshop 2001

 

Rainer Conrad

Ich gehöre zu den Leuten, die das Wochenende in Aix gerne auf dem Gelände verbringen. Schon samstags- nachmittags wirkt sich die Ruhe bei mir wie ein mittlerer Sonnenstich aus: Ich werde merkwürdig schwerfällig und bleibe träge in einem Stuhl liegen. Ich liebe es sogar, wenn mir am Sonntagmorgen die Langeweile die Beine raufkriecht und ich das gesamte Gelände inspiziere, auf der Suche nach jemandem, mit dem ich etwas Zeit verbringen kann.

Ich war mit Leuten dort, die große Zusammenbrüche und Krisen hatten, die vollkommen verändert von dort wegfuhren. Bei mir war das anders. Meine Veränderungen und Zusammenbrüche kamen meist nachher, Monate später, doch ihr Ursprung lag genau dort, in Aix. Und immer, wenn einer dieser Durchbrüche da war, dann glaubte ich plötzlich, den Teppichboden des Theaters riechen zu können, die Farben und Geräusche des Innenhofes, wo wir als Teilnehmer saßen, sehen und hören zu können. In diesem vollständigen Moment tiefster Innigkeit spazierte mein Geist sozusagen an alle Plätze und Orte, die offensichtlich irgendwo in meinem Körper einen glasklaren, unauslöschlichen Abdruck hinterlassen hatten. Und so bin ich mir sicher: Aix ist in mir...

 

aus: Revue ohne Wiederkehr, Skan-Theater-Workshop 2001

 

Dagmar Schillinger

...Wut, Eifersucht, Trauer, Abgrenzung, Freude, Verletztheit, Konkurrenz, Lust, Sinnlichkeit, Scham, Angst, Ablehnung, Verurteilen, Egozentrik, Frieden...Manchmal noch versteckt und zurückgehalten, einfach nur wahrgenommen, manchmal herausgebracht, heraus geschrien. Was gut daran ist, ist nicht mehr darin steckenzubleiben, sondern durchzugehen. Das setzt eine unglaubliche Kraft und Dynamik frei...

 


Les Marronniers: Rasensprinkler von Francesco Rimondi

 

Harald Rohde

Zunächst unzufrieden mit meiner Rolle, habe ich immer mehr ihre Vorzüge schätzen gelernt. Voller Freude habe ich mich verbeugt und das „Jawohl, Signore" herausgeschleudert. Wie das? Lust am Gehorsam? und das mir?

Die Existenz als Butler ist einfach: Es gibt die Form und den Gehorsam. Es gibt keine eigene Meinung mehr, keine Selbstverantwortung und damit auch kein Risiko eines Irrtums mehr. Der Zweifel verabschiedet sich aus dem Leben. Großartig: Alles hat seine Ordnung, ich muß nicht mehr nachspüren, widersprüchliche Gefühle und Motive entwirren, ja, ich brauche keine eigene Meinung mehr zu haben. Welch eine Befreiung!

Sogar für ein Phänomen bekomme ich Verständnis, das mir Immer ein Rätsel war: Das junge Männner freiwillig zur Armee gehen. In der Tat ist die Existenz des Butlers der des Soldaten ähnlich.

 



Les Marronniers: Haupthaus, Frontansicht

 

Loil Neidhöfer

...Warum fahren wir immer noch dorthin? Ich weiß nur, daß mich jedes Jahr im Frühling eine unbändige Vorfreude auf „Aix" ergreift. Vorfreude auf was? Die Arbeit ist oft schwierig, manchmal erschöpfend und in jedem Jahr gibt es unerwarteten Ärger und Turbulenzen. In jedem Jahr gibt es jedoch auch die triumphalen Höhepunkte, die Legende werdenden breakthroughs, die wiederkehrende Genugtuung, daß es tiefen Sinn macht, so zu arbeiten...

...Wenn es stimmt, daß Plätze eine Seele haben, dann verneigen wir uns in Dankbarkeit vor dem generösen Spirit, dem mit allen Wassern waschenden Haus- und Hofgeist von Les Marronniers, der uns jeden Sommer denselben, unverständlichen Refrain vorsingt, der aber doch irgendwie so ähnlich klingt wie C'est la vie! 


aus: Revue ohne Wiederkehr, Skan-Theater-Workshop 2001

 

Klaus Blum

Über diese Mauer ranken sich die schönsten, herrlichsten Blumen. Sie wachsen und wuchern in allen leuchtenden Farben des Regenbogens. Man kann gar nicht an Ihnen vorübergehen, ohne daran zu schnuppern. Ihr Duft ist so betörend, daß man ihm nur erliegen kann. Er ist so verführerisch wie die Sirenen des Odysseus.

Nähert man sich aber der in ihrem Glanz erstrahlenden Blumenmauer, so vermischt sich die Wärme der Blumen mit etwas ganz anderem. Zuerst ist es nur ein unsicheres Gefühl, aber je näher man kommt, desto klarer wird das Empfinden. Es ist eine Kühle, die einem die Nackenhaare aufsteigen lässt...

 



Les Marronniers: Innenhof-Impression

 

Angelika Rahbar

Wir experimentierten mit "pivot points" und spielten mit verschiedenen Charakteren. Johannes, ein Mann aus Wien, stolzierte mit erhobenem Haupt umher, sein Kinn führte ihn an. Er kam mir bedrohlich nahe. Er hob seine Hand und berührte mein Kinn. In mir wurde alles ROT, ich blieb stehen, duckte mich wie eine Raubkatze, eine überwältigende Kraft schoß aus meinem Becken hoch bis in die Arme und mit großer Leichtigkeit stieß ich diesen kräftigen Mann weg von mir...

 



Les Marronniers: Skulptur von Francesco Rimondi

 

Thomas Kölbl

Erster Abend. Smalltalk auf einer Party mit der Vorgabe, daß man alles sagen kann, ausser der Wahr-heit. Jeder kriegt ein Namensschild. Ich bin Hans-Günther. Unsicher und etwas verlegen bewege ich mich durch den Raum, habe erste Kontakte, die Konversation verläuft sehr holprig, jedenfalls von meiner Seite. Wer ist dieser Hans-Günther überhaupt? Ein Typ formt sich mehr und mehr: kleinlich, gewissenhaft, ordnungsliebend, streng, aber oberflächlich betont locker und sehr kommunikativ. Mit jedem Gesprächspartner traue ich mich mehr diesen Charakter zu erforschen, Feinheiten zu entdecken, krieg immer mehr ein Gefühl für diesen Mann. Hallo, ich bin Hans-Günther!, sprudelt es nur so aus mir heraus, wahrnehmend, daß plötzlich ich auf Leute zugehe, sonst warte ich meistens, bis ich angesprochen werde. Jetzt habe ich ein großes Bedürfnis nach spielerischer Konversation, egal mit wem, der Nächstbeste wird angequatscht. Den hatte ich doch schon? Na und, ehe er sich's versieht, prasseln meine Worte wie ein Sturzbach auf ihn nieder.Tolles Gefühl, sich nicht drum zu kümmern, ob mein Gegenüber überhaupt interessiert, was ich erzähle. Hauptsache dieses aufregende Gefühl in meinem Körper beibt da. Als Hans-Günther lebt es sich gar nicht so schlecht, zumindest auf Partys, der Knabe macht echt Spass!!! Langsam geht´s dem Ende zu, Leute verlassen den Raum. Wer sagt eigentlich, daß ich jetzt wieder "der Alte" sein muß?, und was hindert mich daran, in meinem Alltag Hans-Günther zu werden, wenn mir danach ist? Was ich mitgenommen habe ist das Gefühl, über die Mauern meines Charaktergefängnisses geschaut zu haben und die Lust, die weiten Räume zu entdecken, die da draußen liegen.

 



aus: Revue ohne Wiederkehr, Skan-Theater-Workshop 2001

 

Andreas Newald

...Schließlich spiele ich einen Menschen, der sich als unbeschreiblich häßlich bezeichnet. Wen interessiert eine schöne Darstellung ? Ich bin also ein Kotzbrocken, und ich spiele das auch. Was gibt es da noch zu verlieren ? Ah, was für eine Freiheit, was für ein Genuß, für einige Zeit ganz dieser widerliche Charakter zu sein !

Am letzen Tag findet die Theatervorführung vor Gästen statt. Und tatsächlich: Jetzt kommt der Text ganz von selbst mit dem entsprechenden Gefühl und Ausdruck aus mir heraus...

 


Les Marronniers: Haupthaus, Seitenansicht

 

Vera Tenorth

...Wir führen in unserer Kleingruppe unsere Stücke vor. Das erste Publikum also. Ich fühle mich als Marie sehr bloß und verletzlich und dann wieder sehr stark, weil ich mir Ansgar trotz seiner Gemeinheiten sicher bin. Ich krieg den, das glaube ich ganz fest. Bei der Premiere ist viel Publikum da in diesem Jahr. Ich kenne mich, vor Publikum spiele ich meistens noch besser, weil Lampenfieber mir ordentlich Schub gibt. Dieses Jahr ist es anders. Ansgar ist ziemlich eklig und haut mir seine Kränkungen um die Ohren. Im Publikum höre ich jemanden lachen. Meine Überlegenheit (Ich krieg dich doch, Ansgar!) verschwindet, und ich schäme mich, daß ich diesen gräßlichen Kerl so anschwärme, und dann muß ich mitten im Stück losheulen, und ich spüre auch zum ersten Mal die verzweifelte Ohnmacht, nicht an diesen Mann heranzukommen.


Les Marronniers: die "Werkstatt"

 

Stephan Blezinger

Die Zeit danach. In Aix 2 Wochen lang aufregendes Leben. Herrlich viel Bewegung, morgens bei Burundi ein wilder Tanz für mich alleine oder in spannenden, lustigen, vorsichtigen, deftigen Begegnungen mit den anderen. Die Tage voll mit Impulsen und Anstössen, Lust machend auf Öffnung, auf das Mich-Einlassen, Angst machend vor dem, was war, ist und kommen könnte, Impulse, die mich durchrühren, weichkochen, aufmischen. Es braucht weniger und weniger Anstoss von aussen, mich in tiefe innere Bewegung zu bringen. - Es ist eine Lust zu leben!...

 


 Les Marronniers: Skulptur von Francesco Rimondi

 

Wilhelm Kühn

...Als "guter" Trainee versuche ich, alles zu geben, aber irgendwie schmeckt mir die Übung nicht. In meiner Vorstellung ist es so etwas wie Progressive Muskelrelaxion nach Jacobsen, die sich in die Körperarbeit versehentlich eingeschlichen hat. Und ich habe meine Mühe damit. Jeden Tag aufs neue gehe ich lang und ausgiebig in die Kontraktion - das kann ich, ich kenne die Stellen genau. Ich spanne die Muskeln an so gut es geht und arbeite dabei präzise wie ein Schweizer Uhrwerk. Die komischsten Bewegungen kommen dabei heraus. Ich treibe das Ganze hin bis zu einer kaum noch erträglichen Schmerzgrenze und aktiviere meine Schwachstellen, mal ist es der Rücken, mal die Beine, dann das Zwerchfell, mal die linke Schulter, mal alles zusammen. Die Musik, die skurrilen Laute der Anderen treiben mich an. Auuuweia....

 


Les Marronniers: Haupthaus, Teilansicht

 

Thomas Kölbl

Ich liebe die Werkstatt. Das Theater mag ich sehr gerne, aber ich liebe die Werkstatt. Ist es der Platz, sind es die Erinnerungen, ist es das Licht, ist es die Enge des Raumes, die diese Atmosphäre schafft, oder hat es irgendwas mit Feng-Shui zu tun? Keine Ahnung.

An heissen Tagen hältst du es da drin fast nicht aus, nachmittags ist die Temperatur längst jenseits von Gut und Böse, Volvicflaschen in allen Ecken. Ein Dutzend Leute sitzen, lehnen, kauern, hocken im Kreis. In den Pausen gehst du raus und schaust dir zum x-ten Mal diese skurrilen Skulpturen an, kannst abermals keinen Sinn darin entdecken und wankst leicht verwirrt wieder in den Raum zurück. Dort würde ich jetzt gerne sein, im Kreis sitzen und nur atmen und schauen.


aus: Bukowski, Skan-Theater-Workshop 2001

 

Harald Rohde

...Nach 2 Jahren war ich dann wieder in Aix. Ich bin anders da: offener, risikobereiter, kontaktfreudiger: Der Lohn der Angst!

Jetzt lebe ich allein, habe das Gefühl, langsam in meinem eigenen Leben anzukommen und habe wieder mein Herz für eine Frau geöffnet, mit viel Aufregung, aber ohne Angst!

2 Jahre Skan, war da was? Ja, da war was: Ich bin weniger starr, habe weniger Angst vor dem Leben und ich bin berührbar geworden, nicht immer, aber immer öfter. Worte, wie Liebe und Herz, die ich früher bestenfalls mit ironisch-sarkastischem Unterton benutzt hätte, kann ich jetzt ohne diesen Beigeschmack fühlen, denken und schreiben.

Jetzt nach diesen zwei Jahren bin ich mir sicher, daß es gut war, wie es gekommen ist, und daß ich es noch einmal so machen würde.

 

 

 



Les Marronniers: Haupthaus, Teilansicht

______________

copyright © 2002 by endless sky publications HAMBURG